Frischer Glanz
Es war in der Gegend des süditalienischen Eboli. Als dort nach einem Bericht aus dem Jahr 1651 eine Gruppe von neugierigen Jesuiten von Hirten wissen wollte, wie viele Götter es denn gebe, bekamen die Ordensmänner eine überraschende Antwort. "Hundert" sagte einer der befragten, "tausend" ein anderer, ein dritter tippte sogar auf eine noch höhere Zahl.
Man mag sich über eine derartige theologische Ahnungslosigkeit so nahe am geographischen Herzen des Katholizismus wundern, ein Einzelfall war sie nicht. Ein paar tausend Kilometer weiter nördlich und ein paar Jahre später notierte ein weiterer wissensdurstiger Jesuit beispielsweise ebenfalls, dass die Bewohner einer bretonischen Insel die Frage nach der Zahl der Götter nicht beantworten konnten.
Beide Berichte aus der Vergangenheit sind weit mehr als nur bedeutungslose Graffiti auf dem ansonsten strahlend hell leuchtenden Grenzschild "Hier beginnt das christliche Abendland". Diese stolze Standortbestimmung war in der Volksgläubigkeit immer schon durch eine Art europäisches Voodoo verzerrt, das sich inzwischen oft als eine Religion persönlichen Patchworks zeigt. So geht nach einer Untersuchung der katholischen Hochschule in Freiburg beispielsweise jeder fünfte hessische Katholik oder Protestant davon aus, dass es "verschiedene Götter" gibt.
Auf der anderen Seite leidet das Modell "christliches Abendland" aber auch daran, dass die politisch Mächtigen das Christentum nur zu oft als ein willkommenes Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen ansehen. Das war nicht nur unter den Kaisern und Fürsten vergangener Jahrhunderte der Fall, das ist auch heute so, wenn etwa die Furcht vor dem Islam instrumentalisiert wird, um Fremdenfeindlichkeit zu legitimieren. Die Religion liefert hier nur den Anstrich, um einer hässlichen Fassade einen freundlicheren Farbton zu verleihen.
"Hier beginnt das christliche Abendland": Wie die Kirche selbst hat auch dieses Schild im Laufe der Jahrhunderte Kratzer und Beulen bekommen. Die Aufforderung des Papstes an alle Kirchengemeinden, eine Flüchtlingsfamilie bei sich aufzunehmen, ist nun eine Aufforderung, es neu aufzupolieren. Gut so.
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