Gedenken für "die Unbedachten"
Die Stele gibt es erst seit ein paar Jahren. Davor habe ein "Nummernbetrieb" geherrscht, sagt Bestatter Brian Müschenborn. Immer dann, wenn jemand starb und sich binnen weniger Tage niemand finden ließ, der die Person beerdigen wollte, erhielt Müschenborn ein Fax. Darin stand zum Beispiel: "Hilde Schmidt ist gestorben, bitte abführen ins Krematorium und anonym bestatten."
Die Verstorbenen wurden eingeäschert, die Urnen bei einer anonymen Massenbestattung - ohne Trauerfeier und ohne Geistlichen - auf einer Wiese des Kölner Nordfriedhof beigesetzt. "Es gab keinen Namen, kein Kreuz, es wurde nur ein Loch in die Erde gebuddelt. Die Urne kam rein, die Grasnarbe wieder drauf und alles war damit vollzogen", erzählt der Bestatter.
Es war die günstigste Variante für die Kommune. Doch für Angehörige und Freunde waren diese anonymen Bestattungen oft ein Problem: Es gab keinen Ort zum Abschiednehmen. Zahlreiche Anrufe von Angehörigen erreichten Brian Müschenborn. So suchte eine Tochter verzweifelt ihre Mutter, die ein halbes Jahr zuvor verstorben war. "Das zeigt natürlich, dass da kein Kontakt da war. Aber es ist trotzdem furchtbar, dann zu erfahren, dass sie anonym bestattet worden ist." Einmal rief auch ein trauriger älterer Herr an, der gern von seinem Freund Abschied genommen hätte. "Er hat mir erzählt: Das ist der Willi, mit dem ich im Schützengraben gelegen und den ich nie wieder gefunden habe", sagt Müschenborn.
Anonyme Bestattungen in allen Gesellschaftsschichten
Natürlich haben scheinbar einsam verstorbene Personen oft noch soziale Kontakte. Das weiß auch Ursula Feld, Leiterin der Arbeitsgruppe für ordnungsbehördliche Bestattungen der Stadt Köln. Die anonym Bestatteten kommen laut Feld aus allen Gesellschaftsschichten. Häufig sind es ältere Menschen, deren Angehörige nicht mehr leben. Aber nicht nur: "Wenn wir Kinder dabei haben, verschreckt uns das sehr und nimmt uns mit. Gott sei Dank passiert das selten und betrifft nur verstorbene Frühgeburten", erzählt Feld. Es seien aber auch junge Drogenabhängige unter den Toten, die aus der Familie "gedriftet" seien.
In der Bestattungspflicht sind in Nordrhein-Westfalen zuerst Ehepartner, dann Eltern, dann Geschwister, schließlich die volljährigen Enkel und die Großeltern. Freunde eines Verstorbenen haben keinen Anspruch auf Kostenbeihilfe vom Sozialamt, wenn sie die Beerdigung übernehmen wollen. Erklärt sich niemand zur Bestattung bereit, muss das Ordnungsamt einschreiten. Besonders häufig seien es 40- bis 50-Jährige, die sich weigerten, ihre Eltern zu bestatten, sagt Feld. Als Argument würde oft angegeben, dass seit Jahren kein Kontakt mehr bestanden habe.
Muss das Ordnungsamt dann einspringen, fordert es bis zu 2.350 Euro für die Bestattung und den Verwaltungsaufwand von den Angehörigen zurück. Die günstigste Beerdigung ohne Amt ist hingegen für nur 1.500 Euro möglich. Ursula Feld klärt die Angehörigen in langen Gesprächen über die Mehrkosten auf. Trotzdem weigern sich laut Feld viele Betroffene, weil sie nichts mehr für den Verstorbenen tun wollen.
Starker Anstieg behördlicher Bestattungen
So ist die Zahl der ordnungsbehördlichen Bestattungen in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Rund 600 davon gibt es allein jährlich in Köln. Die Abschaffung des Sterbegeldes unter der Regierung von Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2004 habe dazu beigetragen, heißt es aus dem Ordnungsamt, aber auch die Veränderung der sozialen Beziehungen. Das Problem liege darin, dass es sich nicht nur um Menschen handele, die keine Angehörigen hätten, sondern dass es generell weniger Verantwortungsgefühl mehr gebe, sagt Brian Müschenborn. Das System von Freundeskreis und Familie werde immer kleiner. "Wir haben durchaus auch Bestattungen im normalen Bereich, wo bei einem Finanzbeamten von 80 Jahren nur drei Leute auf der Beerdigung sind", bemängelt der Bestatter.
Doch Menschen, die niemand beerdigen wollte oder konnte, einfach in der Erde verschwinden zu lassen, das war Müschenborn unerträglich. "Nicht nur, dass ein Mensch so 'ratz-fatz' entsorgt wird, muss ein Ende haben. Außerdem glaube ich, dass jeder Mensch schon noch in sozialen Bezügen lebt. Sei es durch eine Nachbarin, eine nette Arzthelferin oder die Kassiererin im Supermarkt, mit denen ein Pläuschchen stattfindet."
Müschenborn wollte deshalb einen Raum zum Abschiednehmen schaffen. Er wandte sich gemeinsam mit dem Bestatterverband an die Kirchen und die Stadt und traf auf Gleichgesinnte. 2008 wurde die anonyme Bestattungspraxis abgeschafft und die Stele gespendet, die Namen und Gräber ausweist. Bekannte haben seitdem die Möglichkeit, an den Bestattungen teilzunehmen. Auch wurde ein monatlicher ökumenischer Gottesdienst für die Unbedachten ins Leben gerufen, der abwechselnd in einer evangelischen und katholischen Kirche stattfindet. Vorher werden die Namen der Verstorbenen in einer Zeitungsanzeige veröffentlicht. Durch ehrenamtliches Engagement und Sponsoren entstehen der Stadt keine Zusatzkosten.
"...und man schrieb vor ihm ein Buch, das alle in Erinnerung hält..."
An diesem Tag findet der Gottesdienst in der evangelischen Antoniterkirche statt, mitten in der Kölner Innenstadt. 20 Trauernde sitzen im Kirchenschiff. Die Choral Schola singt. Es herrscht eine andächtige Stimmung. Der Gottesdienst hat einen festen Rahmen, immer dieselbe Liturgie. Dazu gehört auch die Lesung aus dem Buch Maleachi: "Der Herr horchte auf und hörte hin, und man schrieb vor ihm ein Buch, das alle in Erinnerung hält, die den Herrn fürchten und seinen Namen achten. Sie werden an dem Tag, den ich herbeiführe - spricht der Herr der Heere -, mein besonderes Eigentum sein." (Mal 3,16-17)
Diese Zeilen liest heute Brian Müschenborn. "Wir wollen einen würdigen Rahmen schaffen, um der Unbedachten zu gedenken", sagt er. Das Ordnungsamt hat Müschenborn die Namen der verstorbenen Protestanten und Katholiken gegeben. Vor dem Altar trägt er sie aus dem "Buch von den Unbedachten" vor. Ein paar Menschen in den Kirchenbänken weinen leise. Es sind Besucher, die die Namen der Unbedachten in der Zeitung gelesen haben. Namen von Menschen, die sie gar nicht kennen. Sie sind hier, um stellvertretend etwas gutzumachen. "Wir sind doch eine große Familie", sagt die Besucherin Doris Hanfland. "Durch das Menschsein und Jesus Christus sind wir alle miteinander verbunden."
Begleitet von einer Kerze und feierlichem Gesang wird das "Buch von den Unbedachten" durch den Mittelgang getragen und dann in eine Glasvitrine gelegt. Dort bleibt es aufgeschlagen liegen, bis die Kölner Stadtspitze es in einer feierlichen Prozession in die katholische St.-Aposteln-Kirche trägt. Sie wird den Namen der Unbedachten für das nächste halbe Jahr Obdach gewähren.
Von Lena Gilhaus