Gegen eine "totalitäre Entwicklung"
Zum Thema "Die Rolle des interreligiösen Dialogs in Europa und in der europäischen Nachbarschaft" hatte die Konrad-Adenauer-Stiftung kürzlich nach Luxemburg eingeladen. Sowohl Pöttering als auch Hollerich hatten dazu Interessantes zu sagen. Beide kritisierten eine zunehmende Religionsfeindlichkeit in der säkularisierten Gesellschaft und warnten vor der Verbannung von Religion in die Privatsphäre. "Heute muss man sich verteidigen, religiös zu sein", sagte Erzbischof Hollerich. Zugleich verwahrte er sich gegen den Vorwurf, dass Religion die postmoderne Kultur verderbe.
"Die Gesellschaft der EU wäre ohne ihr religiöses Fundament nicht denkbar", unterstrich indes Pöttering, der inzwischen als Vorsitzender der Adenauer-Stiftung fungiert. Für den deutschen EU-Politiker ist Religion ein "Bestandteil der menschlichen Existenz", da Religion die Menschen zusammenführe. "Welche Institution hat die Kraft die Menschen zusammenzubringen, wenn nicht die Kirchen?", gab Pöttering dem Publikum zu bedenken. Deshalb sei im 2007 unterzeichneten Vertrag von Lissabon die Rolle der Religionen besonders hervorgehoben worden.
Ein Platz im öffentlichen Leben
Auch für den Luxemburger Erzbischof hat Religion ihren Platz im öffentlichen Leben. Während der Glaube eine Privatangelegenheit sei, dürfe Religion nicht aus der Gesellschaft hinauskomplimentiert werden. Religion in die Privatsphäre zu verbannen wertete der Erzbischof als "einen Angriff auf die Religionsfreiheit". Pöttering sprach gar von einer "totalitären Entwicklung".
Dass Religionsfreiheit im Zentrum der Freiheitsrechte steht, bekräftigten überdies beide Redner. Für Pöttering muss Glaubensfreiheit überall gelten. Als Kirche könne man nicht in der Gesellschaft auftreten, wenn es keine Religionsfreiheit gebe, so Hollerich. Deshalb trete er angesichts der politischen Debatten über die Beziehungen zwischen Kirche und Staat für das Recht der Religionsfreiheit in der Gesellschaft ein.
Die Abschaffung des Religionsunterrichts bezeichnete der Erzbischof als "Missachtung der Demokratie", den in Luxemburg angedachten Werteunterricht wiederum als "Einheitsbrei“", der den gelebten Pluralismus im Großherzogtum ausklammere. Zugleich trat der Erzbischof auch für Religionsunterricht für die anderen Glaubensgemeinschaften ein. "Durch die Begegnung mit anderen Religionen, kann ich ein besserer Christ werden", sagte Hollerich, unter weiter: "Durch meine Brüder und Schwestern im Islam und Judentum kann ich meinen katholischen Glauben vertiefen."
An die Spielregeln halten
Aus politischer Sicht konnte Pöttering dem interreligiösen Dialog ebenfalls viel Positives abgewinnen. Insbesondere in EU-Nachbarländern käme den Religionsgemeinschaften oftmals eine höhere Autorität zu als der Politik. Am Beispiel der Ukraine unterstrich Pöttering die Rolle der Religionen im Demokratisierungsprozess. Der Erfolg Europas hänge davon ab, wie die Konflikte im Osten und Süden gelöst werden könnten. "Dabei spielen die Religionen eine wichtige Rolle", fuhr der Gast aus Deutschland fort: "Gemeinsam im Dialog können Religionen einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten."
Weiter bezeichnete Pöttering die Religionsgemeinschaften als "Antriebsfeder für die Politik". Zugleich befürwortete er den Anspruch der Religionen, gleichsam eines "moralischen Kompasses" sich in gesellschaftspolitische Fragen einzumischen. Religionsgemeinschaften würden deshalb einen besonderen Platz einnehmen, müssten sich allerdings auch an Spielregeln halten und die Würde des Menschen stets in den Mittelpunkt stellen, so der Politiker.
Beide Referenten unterstrichen die Notwendigkeit des interreligiösen Dialogs. "Wenn man nur mit Christen zusammenarbeitet, hat man das Evangelium nicht verstanden", so Erzbischof Hollerich abschließend.
Von Marc Jeck