Gehen, beten, fasten
Die Fußgänger auf der B101 sind auf dem Weg zur St.-Pius-Kirche in Ludwigsfelde. Es ist eine Zwischenstation auf ihrem Weg nach Berlin. Die zwölf Pilger, die hier auf den Straßen Brandenburgs unterwegs gehen, sind Teil einer größeren Gruppe. "Insgesamt gehen rund 60 Menschen bei der Hungertuchwallfahrtmit. Allerdings laufen wir in einem Staffettensystem", erklärt Matthias Hey. Der 41-Jährige kommt aus der Nähe von Hannover und ist ein erfahrener Hungertuchpilger. "Ja, ich bin von Anfang an dabei. Damals war ich 13 Jahre alt", sagt Hey.
"Wie viele Brote habt Ihr?"
Seit 28 Jahren gibt es die Hungertuchwallfahrten. Die erste wurde im Februar 1986 von einer privaten Initiative in Hildesheim organisiert. Sie führte über 40 Kilometer von Hildesheim nach Hannover. Die Pilger liefen nach einem Gottesdienst am Abend los und kamen am nächsten Morgen an ihrem Ziel an. "Wir wollten die Fastenaktion wörtlich nehmen", erinnert sich Matthias Hey. "Das Motto hieß damals ‚Gemeinsam den Weg der Hoffnung gehen’. Das haben wir gemacht," sagt Hey lachend. Seitdem machen sich jedes Jahr zu Beginn der Fastenzeit Pilger auf den Weg und tragen das Misereor-Hungertuch vom Eröffnungsort der letzten Fastenaktion zum Ort der Eröffnung der aktuellen Aktion. In diesem Jahr ist das von der bolivianisch-slowenischen Künstlerin Ejti Stih gestaltete Hungertuch auf der Pilgerreise. Das Hungertuch hat den Titel: "Wie viele Brote habt Ihr?".
Unterwegs informieren die Pilger in Schulen, Gemeinden und Kindergärten über die Anliegen der Fastenaktion und lernen Mitpilger aus den anliegenden Gemeinden kennen, die sie ein Stück des Weges begleiten. Unterkunft und Verpflegung erhalten die Gruppen in Gemeindehäusern, Schulen und ähnlichen Quartieren.
Joel ist begeistert
Zum ersten Mal dabei ist Joel Lehmann. Der 17-Jährige kommt aus der Nähe von Speyer. "Unser Lehrer hat in der Schule gefragt, ob jemand Lust hätte mitzugehen", erzählt er. Jetzt erlebt Joel Lehmann das erste Mal die ostdeutsche Diaspora. "Wir werden hier überall superfreundlich aufgenommen – egal ob von Katholiken, evangelischen Christen oder Nichtchristen", berichtet der Schüler und schiebt noch einen hinterher: "Die kulinarische Bewirtung ist hier überall top".
Eva Jentjens ist zum ersten Mal die ganze Woche bei der Hungertuchwallfahrt dabei. "Vor einem Jahr ging die Wallfahrt durch meinen Heimatort bei Aachen. Und da bin ich die letzte Etappe mitgegangen", sagt die Lehrerin. "Mir ist es wichtig auch öffentlich, auf der Straße Zeugnis von meinem Glauben abzulegen, deshalb gehe ich hier mit", erklärt sie ihre Motivation bei der Wallfahrt mitzulaufen.
Teil der Misereor-Fastenaktion
Auch Pirmin Spiegel läuft einige Etappen bei der Wallfahrt mit. Spiegel ist Hauptgeschäftsführer von Misereor, einem der größten Hilfswerke der katholischen Kirche. "Zumindest ein paar Etappen mitzulaufen, ist mir ganz wichtig. Gemeinsam mit den Gruppen Station halten, beten, schweigen, erzählen. Beim Gehen können wir nachdenken und Fragen unserer Zeit aus der Perspektive des Glaubens betrachten", sagt der Geistliche. "Die Hungertuchwallfahrt ist eine Facette der Misereor Fastenaktion. Und alle zeigen auf das gleiche Ziel: An der Welt mitbauen, die an vielen Stellen nicht so ist, wie Gott sie gewollt hat. ‚Misereor’ heißt Barmherzigkeit. Und wie hat es Papst Franziskus gesagt: Barmherzigkeit ist der Schlüssel zum Himmel", erläutert er das Anliegen von Misereor.
Vor den Pilgern liegen noch rund 60 Kilometer bis zum Berliner Stadtzentrum. Eine Nacht werden sie noch über dunkle Brandenburger Feldwege wandern. Am Sonntag ist dann Schluss. In der Pfarrkirche St. Marien-Liebfrauen in Berlin-Kreuzberg wird mit einem Gottesdienst die 56. Misereor-Fastenaktion eröffnet. Da wird dann auch das Hungertuch sein, das die Pilger eine Woche lang nach Berlin getragen haben.
Von Markus Kremser