Geht doch!
Dessen Sohn soll uns nämlich wieder einmal als Vorbild dienen. Folgen wir der Bibel, war ein kurzer Ritt auf einem jungen Esel in der Tat schon so ziemlich alles, was sich Jesus an bequemer Fortbewegung erlaubte. Ansonsten war er noch radikaler als sein Diener Franziskus und ging konsequent zu Fuß. Dass es zwischen Galiläa und Judäa - man denke an die Herbergssuche im komplett ausgebuchten Bethlehem - mit der touristischen Infrastruktur ausserdem nicht sehr weit her war, vergrößert seine Leistung zusätzlich.
Ein Freund professioneller Ausrüstung für das Leben ohne Dach und Fach war Jesus anscheinend aber leider dennoch nicht. Hätte er beispielsweise auf den Berg der Verklärung auch nur ein einziges Zelt mitgenommen, wäre Petrus wohl nie und nimmer eingefallen, drei Hütten zu bauen! Und die Versuchung durch den Teufel in der Wüste? Ein paar proteinhaltige Energieriegel, und Satan hätte von sich aus einsehen müssen, dass die Verwandlung von Steinen in Brot für den Sohn Gottes eine unnötige Spielerei darstellt.
Outdoor-Shops als neue Tempel
Würde Jesus heute durch die Gänge unserer Outdoor-Shops streifen, wäre wohl nicht unbedingt auszuschließen, dass es wegen der dort um sich greifenden Kommerzialisierung der göttlichen Schöpfung zu einem ähnlichen Eklat käme wie damals, als sich die Händler und Wechsler im Tempel von Jerusalem mit dem plötzlichen Ende ihres Geschäftsmodells konfrontiert sahen.
Nehmen wir nur die sogenannte "Aussendungsrede", mit der Jesus seinen Jüngern ihren Auftrag vermittelte, seine Botschaft in die Welt hinauszutragen. Allenfalls mit deren Beginn können wir nordischen Walker und Wanderer doch noch etwas anfangen. "Beschafft euch kein Reisegeld, weder Goldstücke noch Silber- oder Kupfergeld!" heißt es da, und tatsächlich: Wozu sich noch um das schwere Bare sorgen, wenn es doch flexibles Plastik gibt? Gerade im Gedränge der Osterfeiertage sollte niemand die Gefahr eines ärgerlichen Taschendiebstahls unterschätzen! Gut, dass Jesus so weit vorausgedacht hat!
Hemd nein, Funktionsunterwäsche ja?
Dann allerdings wird es schwieriger. "Besorgt euch auch keine Vorratstasche, kein zweites Hemd, keine Schuhe und keinen Wanderstock!" Ja, wie denn nun? Wir sollen keine Vorratstasche mitnehmen? Heißt das etwa auch, auf jene Rucksäcke zu verzichten, die mit ihren "Haul-Loops", "Kompressionsriemen" und "thermogeformten Schultergurten" noch jeden Spaziergang zu einer Expedition veredeln? Wem haben diese praktischen Rückentragen denn etwas getan, die als typische Zivilisationsfolger längst feinste City-Lagen erreicht haben?
Ja! Genau wie der Osterspaziergang hat auch das "Osterlachen" eine lange Tradition in der Kirche. Mehr über den im millelalter üblichen "Risus Pascalis" und über Humor in der Bibel lesen Sie im Artikel "Osterlachen und andere Glücksfälle".
Und was soll es bedeuten, kein zweites Hemd und keine Schuhe dabeizuhaben? Ist diese barsche Aufforderung nicht nur dadurch zu erklären, dass Jesus die Vorteile moderner Funktionsunterwäsche noch gar nicht gekannt haben kann und er schon mangels Alternative allein auf die später nach ihm benannten Minimalsandalen setzte? Wären ihm zu seiner Zeit die Vorteile modernen Wanderschuhwerks mit "ergonomisch ausgeformter PU-Zwischensohle" bekannt gewesen, vielleicht wäre die ja durchaus nicht von allen begeistert aufgenommene Salbung seiner Füße in Bethanien gar nicht notwendig geworden?
Jesus und Kirche keine Spaßbremsen
35 Millionen Deutsche wandern mehr oder weniger regelmäßig, das fand jüngst eine Fitnesszeitschrift heraus. Das Bundeswirtschaftsministerium ermittelte zusätzlich, dass mit dem Wandertourismus allein in Deutschland etwa 144.000 Arbeitsplätze verbunden sind. Wanderer geben für ihre Ausrüstung, ihre Touren und ihre Verpflegung in Jausen und Pausen pro Jahr über 11 Milliarden Euro aus. Kann angesichts solcher Zahlen weniger wirklich mehr sein? Oder profiliert sich unsere Kirche nicht bloß ein weiteres Mal als die unvermeidliche Spaßbremse, die mit heruntergezogenen Mundwinkeln am Scheideweg zwischen Himmel und Hölle verkniffen den rechten Weg weist? Zumindest ein kurzer, vom Evangelisten Lukas wiedergegebener Dialog zwischen Jesus und den Aposteln hält diesen Vorwurf für absurd: "Als ich euch ohne Geldbeutel, Vorratstasche und Schuhe auf den Weg schickte, habt ihr da an irgendetwas Mangel gehabt?" "Nein, an nichts."
Und wir, die wir mit der Natur eine so überaus teure Freundschaft geschlossen haben? Was machen wir nun? Eventuell sollten wir über die Vorteile dünnsohliger Sandalen doch noch einmal nachdenken...
Von Uwe Bork