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Der gläubige Zirkusartist Zucconi und sein Motocross-Team

"Gott passt auf mich auf"

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Nürnberg - Zuerst das Innehalten im Gebet, dann auf Motocross-Maschinen 21 Meter weit durch das Zirkuszelt fliegen: "Ich kann das nur machen, weil ich weiß, dass Gott auf mich aufpasst," sagt Motocross-Artist Ivan Zucconi. Ein Besuch bei Zucconis Truppe.

Ein kurzer Moment der Ablenkung, ein kleiner Wackler oder eine minimale Tempoveränderung kann zur Katastrophe führen. Das wissen instinktiv auch die Zuschauer und halten den Atem an. Wer den beiden Motorradspringern Julien Mannon und Ivan Zucconi sowie deren drei Kollegen bei ihrer Arbeit zusieht, hat neben einem bewundernden und zugleich gebannten Staunen nur einen Gedanken im Kopf: Hoffentlich geht das gut. Beide begeistern als Artisten mit ihren Darbietungen in der Weihnachtsshow des Zirkus Flic Flac in Nürnberg derzeit regelmäßig die Zuschauer.

"Ich kann das nur machen, weil ich weiß, dass Gott auf mich aufpasst", sagt Ivan Zucconi. Dieses Gefühl des Vertrauens mache ihn stark und gelassen, so der gläubige Katholik. Solange Gott der Meinung sei, es solle gutgehen, gehe es auch gut. Jedes Mal, bevor der 28-jährige Italiener mit seinen Kollegen aus Frankreich, Polen und seinem Heimatland die Maschinen aufheulen lässt und sich daran macht, mit waghalsigen Drehmanövern durch das Zirkuszelt zu fliegen, hat er ein festes Ritual: das Innehalten im Gebet.

"Ich bin fest davon überzeugt, dass es jemanden gibt, der seine schützende Hand über mich hält", sagt Ivan Zucconi. Zu oft schon habe er Situationen erlebt, aus denen er nur aus diesem Grund heil wieder herausgekommen sei. "Wir sind mit unserer Arbeit oft am äußersten Limit. Die Intuition, dann die richtige Entscheidung zu treffen, kommt nicht aus dem Nichts", ist er überzeugt.

Religiosität als Antwort auf die Suche nach Halt

Ob es unter Zirkusartisten generell mehr Gläubige gibt als im übrigen Teil der Gesellschaft, vermag Pfarrer Sascha Ellinghaus, der als nationaler Circus- und Schaustellerseelsorger im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz Zirkusartisten, Schausteller oder Angestellte von Freizeitparks betreut, nicht abschließend zu beurteilen. "Grundsätzlich kann man aber schon sagen, dass es gerade bei Artisten und Zirkusfamilien eine größere Offenheit für Fragen des Glaubens und der Religiosität gibt", sagt der katholische Geistliche.

Ivan Zucconi sitzt mit seinen Kollegen im Zirkuszelt. Bevor er die Maschinen aufheulen lässt, hat der Katholik ein festes Ritual: das Innehalten im Gebet.

Begründet sieht er diese im ständigen Unterwegssein und der damit verbundenen Suche nach einem Halt, insbesondere aber in den Unwägbarkeiten, die das Leben in der und rund um die Zirkusmanege trotz bester Vorbereitungen mit sich bringt. Als Betreiberfamilie weiß man nie, ob das Gastspiel am Ende wirklich auch ein Erfolg sein wird, egal mit wie vielen Plakaten man auf sich aufmerksam macht. Und als Artist ist man nicht zuletzt oft dem Risiko ausgesetzt, mit jedem Auftritt seine Gesundheit oder gar sein Leben aufs Spiel zu setzen.

Bei Julien Mannon ist es höchstens das immer selbe Lied, welches er vor einem seiner Auftritte hört oder stets der rechte Handschuh, den er sich zuerst überstreift, ehe er über die Köpfe der Zuschauer hinweg in die Manege fliegt. "Ich versuche solche Rituale so gering wie möglich zu halten", sagt der 28-jährige Franzose. Er vertraut bei seiner riskanten Arbeit ausschließlich auf sich selbst.

Große Herausforderung im Zirkuszelt

Früher habe er sehr viel darüber nachgedacht, wie er es am bestens schaffen könne, Selbstvertrauen für die waghalsigen Drehmanöver, Rückwärtssaltos und Handstände in beängstigender Höhe unter der Zirkuskuppel gewinnen zu können und ob ihm der Glaube dabei helfen könne. Letztendlich hat er aber den Weg gefunden, alleine auf sich selbst zu vertrauen, wenn es um seine riskante Nummer geht. Abstand nehmen von allem, was um einen herum passiert oder einen emotional bewegt.

Absolut fokussiert sein auf den Augenblick des Absprungs, im richtigen Moment das Gewicht verlagern und die entsprechende Geschwindigkeit haben. Das alles geschieht intuitiv und nach Gefühl. Muss es auch. Was schon im Freigelände äußerst gefährlich ist, wird im Flic-Flac-Zelt zur absoluten Herausforderung. Zwischen Absprung und Landung bleiben nicht mehr als drei Sekunden. Dazwischen die waghalsigen Manöver. "Im Zirkus ist es schon nochmal etwas Besonderes, weil wir durch das viele Licht in der Manege erst im letzten Moment sehen, ob wir gut auf der Landerampe aufkommen", sagt Julien Mannon.

Der Motocrossfahrer Julien Mannon (m.) und sein Kollege reichen sich vor dem Auftritt die Hand. Anders als bei Wettbewerben, steht im Zirkus Flic Flac nicht der Konkurrenzgedanke im Vordergrund.

Die Idee, eine so atemberaubende Darbietung, die man sonst nur aus Actionfilmen, internationalen Wettbewerben oder Extremsportveranstaltungen im Freien kennt, in dieser Größenordnung erstmals in die Zirkusmanage zu holen, hatte Flic-Flac-Gründer Benno Kastein.

 Das Vertrauen in Gott und in sich selbst hilft, den Traum zu leben

Lange hatten Mannon, Zucconi und ihre Kollegen nicht überlegen müssen, als die Anfrage kam. Für sie sind die Auftritte dort auch aus einem anderen Grund etwas Besonderes. "Anders als bei den Wettbewerben, steht hier nicht der Konkurrenzgedanke im Vordergrund", sagt Ivan Zucconi. "Im Zirkus gibt es einen unglaublichen Zusammenhalt, jeder ist für den anderen da."

Vor dem eigenen Auftritt noch kurzes Schulterklopfen des Kollegen, der einige Momente zuvor in luftiger Höhe auf dem Trapez Kopf und Kragen riskiert hat, das nimmt ein Stück weit die Anspannung. Die Angst jedoch fährt immer mit und lässt sich niemals ganz ausblenden. Davon, dass sie stets mit ihrem Leben spielen, zeugen unzählige Knochenbrüche, Bänderrisse und Gehirnerschütterungen.

Mit dem Springen deshalb aufhören – das kommt für keinen der beiden Freestyle-Motocrossfahrer in Frage. "Wir lieben das was wir tun und trainieren jeden Tag, um das Risiko so gering wie möglich zu halten", sagt Ivan Zucconi. Und wenn doch einmal etwas schiefgeht, müsse man eben damit umgehen können.

Es zu tun oder zu lassen liege schließlich in der eigenen Verantwortung. In solchen Situationen mit seinem Beschützer zu hadern, kommt für ihn dabei nicht in Frage. "Ich schicke vielmehr jeden Abend ein Dankgebet in den Himmel, dass ich Tag für Tag das machen darf, was mir immense Freude bereitet", sagt Ivan Zucconi. Dabei, dies zu leben, hilft beiden das Vertrauen – in Gott und in sich selbst.

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