Groteskes Schneewittchen
Spektakulär-Tragisches geschieht zu Beginn von "Blancanieves" von Pablo Berger. Schwarz-weiß und "stumm" (ohne gesprochene Dialoge, aber nicht ohne Musik) kommt der Film daher, was an "The Artist" von Michel Hazanavicius denken lässt, auch wenn dieser Vergleich in die Irre führt. Zehn Jahre soll Pablo Berger an seiner Version von "Schneewittchen und die sieben Zwerge" gearbeitet haben; es ist eine wunderbar originelle und einfallsreiche Version des Grimmschen Märchens.
Während die Ärzte im Spital um Villaltas Leben kämpfen, schenkt seine Frau ein paar Zimmer entfernt einer Tochter das Leben und stirbt. Das Kind trägt ebenfalls den Namen Carmen. Es wird von seinem Vater verstoßen und verbringt die ersten Lebensjahre bei der Großmutter.
Egozentrische Geliebte
Villalta, nach dem Unfall an den Rollstuhl gefesselt, heiratet die Krankenschwester Encarna. Sie hat sich nach dem Unfall vermeintlich rührend um den Verletzten gekümmert, ist tatsächlich aber auf seinen Ruhm und sein Geld aus: Egozentrisch führt sie auf seinem Gut das Regiment und treibt mit ihren Liebhabern wilde Sadomaso-Spiele, während Villalta vor sich hinvegetiert.
Carmen ist sieben Jahre alt, ein hübsches Kind mit dunklen Kulleraugen und süßen Locken, als ihre Großmutter bei einem letzten Flamenco stirbt und sie doch wieder auf dem Gut ihres Vaters landet. Dort ergeht es ihr elend: Encarna schneidet ihr die Locken ab, sperrt sie in den Keller, lässt sie schuften wie eine Magd, entzieht sie dem Vater.
Herrlich grotesker Film
Doch gegen die Blutsbande kommt die Stiefmutter nicht an. Eines Nachmittags schleicht sich Carmen, verspielt einem Gockel folgend, in Villaltas Zimmer und wird von diesem fortan hinter Encarnas Rücken in die Kunst des Stierkampfs eingeführt. Als ein "Unfall" dem im Rollstuhl die Treppe hinunterstürzenden Vater das Genick bricht, verschlägt es Carmen zu sieben Liliputanern, die im Holz-Wohnwagen durch die Gegend tingeln und mit aberwitzigen Stierkampf-Gaukeleien ihren Unterhalt verdienen.
Der herrlich groteske Film kommt der Vorlage erstaunlich nah und ist doch sehr frei. Viele Szenen sind recht makaber geraten, was aber wunderbar zu einem Film passt, der elegant und schauspielerisch stark der Frühzeit des Kinos huldigt und doch ganz unverkennbar ein Produkt der heutigen Zeit ist. Eine Zeit, die auch von der schmerzlichen Gewissheit geprägt ist, dass selbst die schönsten Märchen nicht immer zwangsläufig gut ausgehen müssen.
Von Irene Genhart
Die Tochter eines spanischen Stierkämpfers wächst bei der Großmutter auf, zieht nach deren Tod aber aufs väterliche Gut, wo sie von der Stiefmutter misshandelt wird. Als der Vater stirbt, reißt das inzwischen im Stierkampf bewanderte Mädchen aus und schließt sich einer siebenköpfigen Liliputaner-Gruppe an. Ebenso freie bis aberwitzige Verfilmung des "Schneewittchen"-Stoffs, angesiedelt im Spanien der 1920er- und 1930er-Jahre. Als Stummfilm mit Tönen und Klängen erweist der Film dem Kino der Frühzeit seine Reverenz und fesselt durch seinen überbordenden Einfallsreichtum.
Der obige Text wurde katholisch.de vom Magazin "Filmdienst" zur Verfügung gestellt. Seit 1947 begleitet der Filmdienst wie kein anderes Magazin kritisch das Kinofilmgeschehen. Herausragende Porträts von Filmschaffenden stehen neben umfassenden Filmkritiken zu jeder Kinopremiere in Deutschland, spannende Debatten neben aufschlussreichen Interviews, Hintergrundberichte neben Neuigkeiten aus der Filmwelt. Die Beilage "Film im Fernsehen" informiert über sehenswerte Filme im Fernsehen. Die Datenbank CinOmat ist ein beispielloses Nachschlagewerk, das mehr als 250.000 Filmschaffende mit fast 75.000 Filmen verknüpft. Der Filmdienst ist darüber hinaus Herausgeber des "Lexikons des Film", zeichnet neue DVD/Blu-ray-Veröffentlichungen mit dem "Silberling" aus und verleiht gemeinsam mit dem Bundesverband Kommunale Filmarbeit jährlich den "Caligari-Filmpreis".