Günther: Kirche muss mithelfen, wieder Begegnungsräume zu schaffen
Daniel Günther (53) war einst Messdiener, heute ist er Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Katholisch aufgewachsen in der norddeutschen Diaspora, ist ihm sein Glaube bis heute sehr wichtig – als Privatmensch und als Politiker. Christliche Werte leiten ihn, wenn er wichtige Entscheidungen treffen muss. Und das Fairnessabkommen vor der Landtagswahl im kommenden April, das seine Union mit allen im Kieler Landtag vertretenen Parteien außer der AfD abgeschlossen hat, fußt auf den Zehn Geboten.
Seit er Ministerpräsident ist, findet der CDU-Politiker nicht immer Zeit für den Sonntagsgottesdienst, das tägliche Gebet vor dem Einschlafen ist ihm aber heilig. Er glaubt nicht nur an ein Wiedersehen mit seiner früh verstorbenen Mutter, sondern auch an die Bedeutung der Kirchen in Zeiten multipler Krisen. Ihre Aufgabe sieht er auch darin, Räume zu bieten, in denen sich Menschen unterschiedlicher politischer Auffassung und Herkunft begegnen können.
Frage: Als einer der Gründe für den Aufstieg der Rechtspopulisten in Deutschland wird oft der Frust der Leute über die Politik, über "die da oben" genannt. In der Ampelkoalition hat es ziemlich geknirscht, auch in der aktuellen schwarz-roten Bundesregierung wird viel öffentlich gestritten. Sie in Schleswig-Holstein dagegen regieren geräuschlos mit den Grünen. Trotzdem hat Ihre Union vor der Landtagswahl im kommenden April laut Umfragen 16,4 Prozent eingebüßt, die AfD steht auch im Norden der Republik auf Platz 2. Wie erklären Sie das?
Günther: Ich will das nicht wegwischen, bin aber glücklicherweise schon so lange in der Politik, dass ich Meinungsumfragen ganz gut einsortieren kann. Eine Meinungsumfrage wie die, auf die Sie sich beziehen, acht Monate vor der Landtagswahl, ist stark von der Bundespolitik beeinflusst. Wenn die AfD im Moment bundesweit bei 26 bis 28 Prozent steht, geht das auch an uns nicht spurlos vorbei. Ich weise nur darauf hin, dass die CDU hier in Schleswig-Holstein vor der letzten Landtagswahl 2022 zum gleichen Zeitpunkt bei 21 Prozent stand. Am Ende haben wir aber 43,4 Prozent geholt. Und erst fünf Monate vor der Wahl lagen wir in den Umfragen zum ersten Mal über 30 Prozent. Von daher sollten wir vorsichtig damit sein, eine Umfrage im Moment schon auf das Landtagswahlergebnis zu übertragen.
Ich glaube zugleich, dass wir in Schleswig-Holstein vieles besser machen als auf Bundesebene, weil wir einfach vernünftig zusammenarbeiten. Menschen haben meiner Erfahrung nach wenig Verständnis dafür, dass eine Regierung einen Koalitionsvertrag abschließt, sich aber trotzdem jedes Mal wieder neu streitet, wenn Gesetze vorgelegt werden.
Auch wir in Schleswig-Holstein haben Diskussionsbedarf, auch innerhalb unserer Regierungskoalition, aber wir machen das untereinander aus. Öffentlich regieren wir vernünftig zusammen. In schweren Krisen – und wir leben wirklich in existenziellen Zeiten, in denen sich fundamentale Gewissheiten für Menschen heute anders anfühlen – ist es noch viel schlimmer, wenn Regierende sich öffentlich miteinander streiten. Man hat nur Vertrauen zu Menschen, die an einem Strang ziehen. Das war bei der Ampel schon abschreckend, und leider hat die aktuelle Bundesregierung daraus noch nicht genug gelernt. Wenn man sich die Umfragewerte anguckt, waren die bei der aktuellen Bundesregierung immer dann gut, wenn sie gemeinsam gearbeitet haben, und wurden schlecht, wenn sie sich gestritten haben. Ich hoffe, dass in Berlin der Lerneffekt irgendwann auch zu den richtigen Schlüssen führt.
Frage: Sie in Schleswig-Holstein haben sich für den anstehenden Wahlkampf auf ein Fairnessabkommen geeinigt. Wie sieht das aus? Was bringt das? Und was hat das vielleicht auch mit christlichen Werten zu tun?
Günther: Das Fairnessabkommen beschreibt, was eigentlich in unserem christlich geprägten Land selbstverständlich sein sollte: Dass man vernünftig miteinander umgeht, und dass man sich, egal, ob man christlichen Glaubens ist oder nicht, an die zehn Gebote hält – zum Beispiel ans "Du sollst nicht falsch Zeugnis legen wider deinen Nächsten!". Das bedeutet, dass man fair miteinander umgeht, dass man nicht persönlich verletzend oder herabwürdigend ist, dass man niemanden persönlich beleidigt und dass man den anderen nicht falsch zitiert. Und es heißt es auch, dass man nicht lügt. Wir haben eigentlich die Zehn Gebote in ein Fairnessabkommen gegossen. Das ist in meinen Augen etwas sehr Wohltuendes und damit heben wir uns von denen ab, die es nicht gut meinen mit unserem Land. Deswegen haben auch keine extremistischen Parteien dieses Fairnessabkommen unterschrieben, was ich konsequent finde. Denn sie machen ja jeden Tag das Gegenteil von dem machen, was da drinsteht.
Frage: Die "Brandmauer" gegen die AfD wackelt vor allen Dingen im Osten immer stärker. Was sagen Sie? Sollte man die Brandmauer auf jeden Fall hochhalten oder doch noch einmal darüber nachdenken?
Günther: Es fällt mir schwer, darauf kurz zu antworten. Ich habe diesen Begriff "Brandmauer" niemals selbst verwendet oder geprägt, weil ich das Bild nicht richtig finde. Dieses Konzept der "Brandmauer" ist in meinen Augen zum Scheitern verurteilt, weil es bei den Menschen den Eindruck erweckt, man wolle sich nicht mit ihren Problemen auseinandersetzen. Das finde ich einfach falsch. Ich sehe auch in denen, die die AfD wählen, Menschen, um die wir uns kümmern müssen. Ich möchte sie gerne für demokratische, etablierte Parteien zurückgewinnen. Mir geht es aber gleichzeitig darum, dass man mit einer Partei, die offen extremistisch ist, die menschenverachtend ist, die Lügen verbreitet, nicht zusammenarbeiten darf. Das ist für mich nicht verhandelbar. Eine CDU, die mit einer solchen Partei in irgendeiner Weise zusammenarbeiten und dieses Land regieren würde, wäre für mich eine Partei, in der ich nicht sein möchte. Von daher ist für mich vollkommen klar, dass eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen werden muss. Ich bilde aber keine Brandmauer zu Menschen, die sich vielleicht ein bisschen verirrt haben, aber die ich gerne wieder für demokratische Parteien zurückgewinnen möchte.
Frage: Es ist ja längst nicht nur der Aufstieg der AfD in Deutschland, sondern es sind genauso Typen wie Putin, Trump oder Xi an den Hebeln der Weltmacht. Es ist der Krieg in der Ukraine. Es sind all die Konflikte und Kriege, die wirklich viel zu vielen Menschen große Angst machen und deren Wahlentscheidungen beeinflussen. Wo sehen Sie in dieser Zeit die Rolle der Kirchen?
Günther: Sie sollten Orientierung geben, diejenigen Kräfte in Deutschland zu unterstützen, die Wert auf demokratische Institutionen legen, die demokratische Institutionen nicht verächtlich machen, die vernünftigen Dialog miteinander führen.
Kirche muss Orte definieren und schaffen, wo Menschen sich begegnen können, die unterschiedlicher politischer Auffassung sind. Meiner festen Überzeugung nach gehört zu den Grundproblemen unseres Landes, dass wir nur noch so wenige Räume haben, in denen sich Menschen unterschiedlicher politischer Auffassung treffen. Früher haben sich die die Leute zum Beispiel nach dem Gottesdienst noch beim Kirchenkaffee getroffen und ausgetauscht, egal wo sie politisch standen. Solche Räume sind weniger geworden. Und in Ostdeutschland gibt es noch weniger Bindungskräfte, weil da die Institutionen eine noch geringere Rolle spielen. Die Kirche muss mithelfen, wieder solche Räume und solche Gesprächskanäle zu schaffen. Da haben die Kirchen eine sehr wichtige Aufgabe. Ich hoffe, dass sie sie in Zukunft noch stärker wahrnehmen können.
"Die Kirche muss sich bewusst sein, dass es in diesen Zeiten immer mehr Menschen gibt, die sich Fragen stellen, die von der Kirche gut beantwortet werden können."
Daniel Günther
Frage: Sie haben vor nicht so langer Zeit den Kirchen prognostiziert, dass sie in den kommenden Jahren wieder an Bedeutung gewinnen. Warum glauben Sie das?
Günther: Menschen in unserem Land müssen sich traurigerweise wieder viel existenzielleren Fragen stellen, die Bedrohungslage hat sich vollkommen verändert. Ich unterteile meine Amtszeit tatsächlich immer in zwei Teile: eine, bis Corona kam, und eine danach. Die Corona-Krise hat bei den Menschen nicht nur existenzielle Fragen aufgeworfen, sondern sicherlich auch zur Spaltung unserer Gesellschaft beigetragen.
Dann denke ich an den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, eine irrlichternde Weltmacht Vereinigte Staaten und das Ende, oder zumindest das gefühlte Ende unserer regelbasierten Weltordnung. Das Recht des Stärkeren spielt plötzlich wieder eine Rolle. Das macht etwas mit den Menschen in unserem Land. Für mich war, wie für viele andere, Krieg etwas aus den Erzählungen meiner Großmutter oder aus dem Fernsehen, weit weg. Heute ist Krieg auf einmal wieder nah an uns herangerückt. Jeder stellt sich die Frage, in welcher Welt wir leben und in welcher unsere Kinder leben werden. In einer solchen Situation Institutionen wie die Kirchen zu haben, die Orientierung und Halt geben können, spielt für Menschen eine immer größere Rolle. Man merkt das in der Seelsorge. Auch bei der Bundeswehr spielt sie wieder eine größere Rolle, weil Menschen, die Uniform tragen, zum Beispiel an die NATO-Ostgrenze verlegt werden können. Wir haben heute eine Panzerbrigade in Litauen, Soldatinnen und Soldaten sind dort stationiert. Da bekommen das Gespräch mit Gott und der Pastor als Ansprechpartner plötzlich wieder eine ganz andere Bedeutung. Die Kirche muss sich bewusst sein, dass es in diesen Zeiten immer mehr Menschen gibt, die sich Fragen stellen, die von der Kirche gut beantwortet werden können.
Frage: Zum Schluss die Frage, die wir allen Himmelklar-Gästen stellen: Was gibt Ihnen persönlich Hoffnung – hier und jetzt?
Günther: Mir gibt Hoffnung, dass es ganz viele Menschen gibt, die für den Zusammenhalt wirken. In Schleswig-Holstein betätigen sich zum Beispiel 40 Prozent der Menschen ehrenamtlich. Sie reden nicht nur über andere, sondern sie reden miteinander und führen Menschen zusammen. Wegen dieser Menschen habe ich sehr viel Hoffnung, dass Schleswig-Holstein, dass Deutschland hoffentlich weiterhin und auch im Jahr 2050 ein freiheitsliebendes, friedliches, demokratisches und wirtschaftlich erfolgreiches Bundesland beziehungsweise Land sein wird.