Harry Potter und die theologische Spurensuche
Hexerei, Zauberei, Magie: Als die Harry-Potter-Bücher und später die Filme ihren Siegeszug antraten, begegneten ihnen manche christlichen Gruppen mit Skepsis. Doch längst forschen auch Theologen zu den Werken. Denn zwischen Besenflugstunden, Zauberunterricht und dem Leben auf einem magischen Internat gibt es erstaunlich viele Motive, die große Parallelen zum Christentum aufweisen.
Davon ist zumindest der Innsbrucker Theologe Nikolaus Wandinger überzeugt. Zum Thema kam er über den ersten Film, der am 4. November 2001 seine Weltpremiere feierte. Er gefiel ihm so gut, dass er anschließend auch die ersten beiden Bücher las. "Und während der Lektüre des zweiten Buches ist mir der Gedanke gekommen, dass da völlig unaufdringlich theologische Themen verhandelt werden", sagt der Professor für Systematische Theologie.
Erbsünde und die Antwort darauf
Im zweiten Band sei das vor allem die Erbsünde. Denn in "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" geht es viel um die Frage, wer der Erbe des bösen Zauberers Salazar Slytherin ist. Harry hat Angst davor, dass es ihn trifft. "Und dabei geht es letztlich um die Frage: Bin ich durch etwas, das in meiner Vergangenheit liegt und sich meiner Kontrolle entzieht, zu etwas vorherbestimmt, das ich nicht möchte?", so Wandinger. "Das verhandelt die christliche Theologie unter dem Begriff 'Erbsünde'."
Die Antwort darauf sieht er in einer Aussage von Harrys Schulleiter, Professor Dumbledore: "Es sind nicht unsere Fähigkeiten, die zeigen, wer wir wirklich sind, sondern unsere Entscheidungen." Ähnlich hätten klassische katholische Deutungen den Umgang mit den Folgen der Erbsünde beschrieben.
Das zeige sich auch in den Charakteren der Reihe, die meist nicht eindeutig gut oder böse seien. Allen voran Professor Snape, der tief in die dunklen Künste verstrickt ist, unterm Strich aber zu den Guten gehört: "Auch das gehört zum christlichen Menschenbild: Die allerwenigsten Menschen sind nur gut oder nur böse. Selbst viele große Heilige."
Angefixt von diesen Erkenntnissen begann Wandinger, nach weiteren christlichen Themen in den Büchern zu suchen. Und wurde fündig. Nicht nur zu Aspekten wie Schuld, Vergebung und Umkehr. Für den Forscher zeigen sich an mehreren Stellen Züge einer durchgängigen Opfertheologie.
"Das beginnt schon in der Vorgeschichte", so Wandinger. "Lily Potter stellt sich schützend vor ihren Sohn Harry, um zu verhindern, dass er vom bösen Zauberer Lord Voldemort ermordet wird. Obwohl er ihr sogar anbietet, sie zu verschonen." Durch ihr Opfer und ihre Liebe zu ihrem Sohn erwirkt Lily eine Art magischen Schutz, der Harry lange vor Voldemort schützt.
Bereitschaft zur Hingabe
Am Ende der Reihe erfahren die Leser, dass Harry, inzwischen 17 Jahre alt, sich doch von Lord Voldemort töten lassen muss. Um dessen Treiben endgültig ein Ende zu bereiten. Denn Voldemort hat seine eigene Seele in mehrere Teile geteilt und diese versteckt. Einen davon in Harry, wenn auch aus Versehen. Solange aber ein Teil seiner Seele noch existiert, kann der dunkle Lord nicht sterben. Voldemort kann also nur besiegt werden, wenn Harry stirbt. Und der ist dann auch tatsächlich bereit, sich umbringen zu lassen.
Hier sieht Wandinger Parallelen zum Tod Jesu Christi am Kreuz. Mit einem großen Unterschied: "Harry Potter opfert sich, um seinen Freunden den Sieg über Voldemort zu ermöglichen. Bei Jesus geht es um die Feindesliebe: Diese Haltung hält er sogar dann noch durch, als er unschuldig hingerichtet wird." Zudem stirbt Harry Potter nicht wirklich. Durch die Verkettung etlicher Umstände in der Reihe überlebt er. "Dennoch ist diese Bereitschaft zur Hingabe durchaus vergleichbar", meint Wandinger.
In der Reihe stecke auch die Botschaft, die eigene Endlichkeit anzuerkennen, sagt der Theologe. Die gesamte Handlung werde letztlich von Voldemorts Angst vor dem Tod angetrieben. "Die christliche Antwort darauf wäre die Hoffnung auf das ewige Leben bei Gott." Bei "Harry Potter" werde hingegen nur angedeutet, dass der Tod nicht das Ende ist. "Aber wie das zu verstehen ist, lassen die Romane völlig offen."
Wandinger ist davon überzeugt, dass in den Werken nicht zufällig solch eine große Portion christliche Theologie steckt. "Da sind die Parallelen zu eindeutig." So hat er etwa zwei wörtliche Bibelzitate im letzten Band entdeckt – die aber nicht als solche gekennzeichnet sind.
Keine Werbung für Okkultismus
Die anfängliche Kritik christlicher Gruppen an der Reihe hält Wandinger für nicht gerechtfertigt. "Natürlich ist Magie nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar. Aber hier geht es um eine fiktive Welt, in der bestimmte Themen verhandelt werden." Praktiken wie Kartenlesen oder die Vorhersage der Zukunft würden in den Büchern eher satirisch behandelt. "Deswegen kann man da keine Nähe zu Okkultismus herstellen." Magie sei in den Werken eher wie moderne Technik. Auch diese könne man für das Gute oder das Böse einsetzen.
Auch Äußerungen des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger möchte er nicht zu viel Wert beimessen. Dieser bezeichnete die Bücher 2003 als "subtile Verführungen", die das Christentum in der Seele zersetzen könnten. Allerdings nur in einem persönlichen Brief als Antwort an die Autorin Gabriele Kuby. "Er hat im Grunde auf deren Bedenken reagiert und gesagt: 'Wenn das so ist, dann ist es gut, dass Sie davor warnen.' Das hat keinerlei lehramtlichen Charakter."
Vielmehr würden in "Harry Potter" neben der impliziten Theologie zeitlose Werte wie Freundschaft, Zusammenhalt und der Einsatz gegen Rassismus vermittelt. Das sei einer der Gründe, weshalb die Reihe auch 25 Jahre nach der Filmpremiere noch so beliebt sei.