Haus der Erinnerungen
Wie eine Filmrolle mutet diese Sammlung unterschiedlicher Szenen an, die Soldaten während des Ersten Weltkrieges mit viel Liebe zum Detail und ein paar Buntstiften erschufen. Männer in Uniform mit Gewehr über der Schulter, zerstörte Häuserfronten, Befehlsgeber mit fratzenhaften Gesichtern – allein das durch die Vitrine sichtbare Ende der Rolle gibt viel über den Alltag und die Gefühlswelt der Männer in Zeiten der Not und Todesangst preis.
Der Drang, Erlebtes schriftlich oder mittels Zeichnungen festzuhalten, es dadurch zu verarbeiten oder für die Nachfahren zu erhalten, macht erfinderisch: Zigarettenpapier, Laken, Kalenderblätter – mehr als 12.000 Erinnerungen, Tagebücher und Briefwechsel von rund 3.000 Autoren beherbergt das Deutsche Tagebucharchiv im alten Emmendinger Rathaus. Das Archiv ist das einzige seiner Art in Deutschland.
Eine Herzensangelegenheit
"Das hier ist ein ziemlicher Apparat geworden. Pro Jahr erhalten wir zwischen 150 und 200 Neuzusendungen und mittlerweile helfen uns über 100 ehrenamtliche Mitarbeiter", sagt Frauke von Troschke. Das Deutsche Tagebucharchiv ist für sie eine Herzensangelegenheit.
Während andere Frauen längst ihren Ruhestand genießen würden, steckt von Troschke viel Energie in ihr Projekt und verbringt die meiste Zeit unter der Woche in ihrem geräumigen Büro im zweiten Stock des alten Rathauses. Die Idee zur Initiierung entstand, als sie ihre Schwester in Italien besuchte, die einige Zeit zuvor dorthin ausgewandert war. Die gab ihr den Tipp, auf ihrer Reise auch einmal im Tagebucharchiv in der Nähe von Arezzo vorbeizuschauen. "Ich war begeistert, weil es mich fasziniert, das Leben aus einem anderen Blickwinkel kennenzulernen", beschreibt von Troschke ihren Besuch, der ihre Zukunft verändern sollte.
Dann ging alles ganz schnell: Von Troschke gründete "mit den sieben Aufrechten", wie sie lachend erzählt, den Verein. Bis heute arbeiten bis auf den Leiter der Geschäftsstelle und eine wissenschaftliche Mitarbeiterin ausschließlich Ehrenamtliche im Archiv. Bis heute haben die Geldsorgen kaum abgenommen. "Dreiviertel der Kosten stemmen wir selbst", sagt die Leiterin und fügt hinzu: "Wir generieren Gelder über Mitgliedsbeiträge, Verkauf von Broschüren, Veranstaltungen oder Lesungen. Selbst unsere Ehrenamtlichen müssen Vereinsbeiträge bezahlen. Anders geht es nicht."
In die Gedankenwelt anderer eintauchen
Wichtiger Kern der Arbeit ist das Lesen und Verschlagworten der ausschließlich autobiografischen Dokumente. Rund 50 Personen im In- und Ausland arbeiten die Kopien sämtlicher Briefe und Bücher durch, entziffern die oft schwer zu lesende Schrift, notieren, in welcher Zeit und von wem das Dokument verfasst wurde und welche (historischen) Geschehnisse der Autor reflektiert.
"August 1905. Die Großmutter von Kleinhildchen fängt bei Geburt an, das Erwachen und Heranwachsen ihrer Enkelin in einem Büchlein zu begleiten und verewigen, damit Kleinhildchen später einmal das eigene Leben nachlesen und erleben kann." Auf diese ersten Worte des Tagebuchs einer liebevollen Großmutter aus Münster werden mehr als 400 Seiten folgen.
Doch es braucht nur wenige Sätze, um in die Welt eines anderen Menschen einzutauchen. 80 Jahre später. Ein anderer Ort. Ein anderes Leben. Ein anderes Tagebuch. "Morgens bis 11 Uhr gepennt. Oma nicht da. Essen angebrannt. Winnetou III fertiggelesen. Um 6 Uhr Oma wieder da. Karten gespielt." Florian heißt der Autor, der bei seiner Großmutter aufgewachsen ist und in den 80er Jahren seine täglichen Erlebnisse in Telegrammstil festhielt.
Anfragen von Wissenschaftlern und Studenten
Viele Wissenschaftler, Studenten und Schüler aus der ganzen Welt kontaktieren von Troschke und deren Mitarbeiter regelmäßig mit Anfragen. Die Themen könnten dabei unterschiedlicher nicht sein. "Interaktion von Angehörigen verschiedener Generationen in der Familie und ihr Einfluss auf die Erziehung und Bildung von Kindern" heißt etwa eine, andere "Reisen auf der Walz" oder "Mussolinis Deutschlandbesuch 1937".
Auch Schulklassen besuchen das Archiv regelmäßig. "Die Schüler sind eigentlich immer begeistert und freuen sich über einen so lebendigen Geschichtsunterricht", sagt Frauke von Troschke und streicht sich ihre Haare aus der Stirn. Später wird sie noch einige Verträge unterschreiben, in denen die Rechteinhaber – Verwandte oder Urheber selbst – einer Veröffentlichung zustimmen, aber auch auf eine Anonymisierung ihrer Namen bestehen können. Die meisten jedoch möchten, dass ihr voller Name bekannt bleibt. Sie überlassen der Archiv ihre Dokumente unentgeltlich.
Im Ersten Stock des Rathauses soll bald ein Museum entstehen. Neben der Morserolle werden auch andere Originale dort eine neue Heimat finden und können besichtigt werden. "Da sind regelrechte Schätze dabei", sagt von Troschke. Viele Autoren haben nicht nur geschrieben, sondern auch gezeichnet, Fotos, Eintrittskarten, Zeitungsausschnitte oder sonstige Erinngerungen zwischen ihre Zeilen eingeklebt. Wie ein Ehepaar, dessen Tochter kürzlich das Tagebuch ihrer Eltern dem Archiv zugeschickt hat. Es misst gerade einmal sechs Zentimeter und stellt damit den Rekord des kleinsten Tagebuches der Sammlung auf.
Von Angelika Luderschmidt
Das Don Bosco Magazin, dem der obige Text entnommen ist, ist eine christliche Zeitschrift für die ganze Familie und das Mitteilungs- und Verbindungsorgan der Don Bosco Familie, aller Freunde Don Boscos und seines Werkes sowie von Menschen, die im Sinne Don Boscos für die Interessen von Kindern und Jugendlichen eintreten und sich für sie engagieren. www.donboscomagazin.de/