Heimatfilm und Ethno-Studie
Plötzlich wirft einer aus der Gruppe irgendwas nach einer Kuh, die friedlich am Wegesrand grast. Woraufhin das Huftier einen wilden Tanz aufführt, während die Menschen unbeeindruckt weiterziehen. Als sie auf dem Gipfel des Hügels bei einer kleinen Kapelle angekommen sind, nimmt die bis dahin statische Kamera in einem gravitätisch langsamen Schwenk sonnendurchflutete Wiesen und Felder ins Visier, bis die Kreisfahrt nach etwa 90 Grad unvermittelt abbricht.
Ein rätselhafteres, faszinierenderes Intro hat man lange nicht mehr gesehen. Doch auch der Films hält, was der Vorspann verheißt: In einem moldawischen Dorf ist eine alte Frau gestorben, weshalb sich die Bewohner in ihrem Haus, wo der Leichnam aufgebahrt ist, zur nächtlichen Totenwache einfinden. Während die Frauen das Ableben der Nachbarin unter Tränen und Gesängen beklagen, sitzen die Männer in einem Nebenraum, rauchen, trinken und hadern mehr mit der Härte des Lebens. Am Tag darauf soll die Beerdigung stattfinden. Doch der Friedhof liegt weit entfernt.
Keine lupenreine Dokumentation
Der Trauermarsch über staubige Feldwege unter sengender Sommersonne artet deshalb zu einer Art Wandertag mit Sarg aus, worunter vor allem die betagten Sargträger zu leiden haben. Linderung verschafft ihnen lediglich ein schweigsames junges Mädchen, das einen Krug mit sich führt, aus dem sie fortlaufend Wein ausschenkt. Was nicht ohne Wirkung bleibt. Doch erst als der Krug nie leer zu werden scheint und schließlich sogar auch der Pfarrer bedenklich zu schwanken beginnt, dämmert es einem, dass man es hier wohl nicht mit einer lupenreinen Dokumentation zu tun hat.
Fast ausschließlich mit Laiendarstellern besetzt
"Panihida" ist von der ersten bis zur letzten Einstellung inszeniert, lässt aber bis auf eine Ausnahme durchweg örtliche Laiendarsteller vor dem Kamera agieren. Hinzu kommt, dass es zwar ein Drehbuch, aber keine Dialoge gab, so dass die agierenden Figuren bei ihren Gesprächen vornehmlich frei improvisierten. Schon unter dem Genreaspekt also ein seltsames Zwitterwesen, passt der Film auch sonst in keine Schublade.
Er bewegt sich in ruhigen, langen Einstellungen zwischen Heimatfilm, Ethno-Studie und Spielfilm mit teils herrlich vital-absurden Sequenzen, die einem Fellini alle Ehre gemacht hätten. Gleichzeitig ist "Panihida" in seiner völlig eigenständigen Ästhetik eine bildgewaltige Liebeserklärung der Regisseurin an ihre moldawische Heimat. Ein kleiner Film, der in gerade einmal 61 Minuten großes Kino bietet.
Von Reinhard Lüke
Die Bewohner eines moldawischen Dorfes halten nächtliche Totenwache für eine verstorbene Bewohnerin. Am Tag darauf soll die Beerdigung auf dem weit entfernten Friedhof sattfinden. Unter sengender Sonne macht sich die Trauergemeinde mit dem Sarg auf einen beschwerlichen Fußmarsch, wobei man unterwegs eifrig dem Wein zu spricht. Eine bildgewaltige Mediation, die sich als eigenwillig-eigenständige Mixtur aus Spiel- und Dokumentarfilm souverän zwischen Heimatfilm und absurder Komödie bewegt. – Sehenswert ab 16.
Der Filmtipp wurde katholisch.de vom Magazin "Filmdienst" zur Verfügung gestellt. Seit 1947 begleitet der Filmdienst wie kein anderes Magazin kritisch das Kinofilmgeschehen. Herausragende Porträts von Filmschaffenden stehen neben umfassenden Filmkritiken zu jeder Kinopremiere in Deutschland, spannende Debatten neben aufschlussreichen Interviews, Hintergrundberichte neben Neuigkeiten aus der Filmwelt. Die Beilage "Film im Fernsehen" informiert über sehenswerte Filme im Fernsehen. Die Datenbank CinOmat ist ein beispielloses Nachschlagewerk, das mehr als 250.000 Filmschaffende mit fast 75.000 Filmen verknüpft. Der Filmdienst ist darüber hinaus Herausgeber des "Lexikons des Film", zeichnet neue DVD/Blu-ray-Veröffentlichungen mit dem "Silberling" aus und verleiht gemeinsam mit dem Bundesverband Kommunale Filmarbeit jährlich den "Caligari-Filmpreis".