In der Betreuungsfalle
Regelmäßig wurde in den vergangenen Jahren die Zahl der geschaffenen U3-Plätze mit dem geschätzten Bedarf verglichen. Und jedes Jahr wurde augenfälliger, dass es für die von der Bundesregierung angepeilte Betreuungsquote nicht reichen würde. 37 Prozent aller Kinder zwischen einem und drei Jahren sollten ab diesem Sommer zuverlässig "unter der Haube" sein können, doch noch im März 2012 lag der Bundesdurchschnitt bei 27,6 Prozent. Im krippenerfahrenen Ostdeutschland liegt der Schnitt bei über 50 Prozent, in Nordrhein-Westfalen fehlen nach Zahlen des Familienministeriums dagegen noch 27.000 Plätze.
"Keiner hat damit gerechnet, dass sich die Gesellschaft so schnell verändert", fasst der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, das Problem zusammen. Tatsächlich scheint es, dass mit der angestrebten Zahl von 780.000 U3-Plätzen nicht nur Bedarf gedeckt, sondern auch Bedarf geweckt wird. Die Kita-Initiative der Bundesregierung ist eine Reaktion auf die schwierige Berufssituation von Müttern: längere Babypausen bedeuten den Verlust von Einkommen, aktuellem Fachwissen, wichtigen Netzwerken und künftigen Aufstiegschancen. Kein Wunder, dass die Nachfrage nach U3-Plätzen wächst. Besonders für eine zunehmende Zahl von alleinerziehenden Frauen sind sie nicht weniger als existentiell.
Gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Eltern, die wegen der zu geringen Zahl geschaffener Kitaplätze nun zunächst keine Kinderbetreuung finden, sind benachteiligt. Denn Arbeitgeber, die über lange Jahre Mütter und Frauen im gebärfähigen Alter als "unkalkulierbares Risiko" eingestuft haben, sehen diese Bedenken nun mit staatlicher Hilfe gemildert und stellen verstärkt ein. Die U3-Plätze machen junge Mitarbeiterinnen zu berechenbareren Faktoren. Entsprechend fordern die Arbeitgeberverbände Ruhr/Westfalen in einem Positionspapier vom Juli 2012 größere Anstrengungen in der Kinderbetreuung. "Dazu gehören auch zeitlich flexible Betreuungszeiten, die sich stärker an den Bedürfnissen der Beschäftigten orientieren. Der Staat sollte dieses Thema als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen."
Doch wem genau sollen die immer flexibleren Betreuungszeiten eigentlich helfen? Geht es tatsächlich vor allem um die Bedürfnisse der Beschäftigten und ihrer Familien? Oder sind es möglicherweise stärker die der Arbeitgeber, die damit über immer flexiblere Angestellte verfügen? Ist es eine "gesamtgesellschaftliche Aufgabe", dafür Sorge zu tragen, dass nicht nur für viele Väter, sondern auch für immer mehr Mütter die Anforderungen des Arbeitslebens an erster Stelle stehen können?
Kirche in der Zwickmühle
Die katholische Kirche befindet sich bei dieser Frage in einer Zwickmühle. Familienleben ist ihr wichtig und viele Gründe lassen sich gegen eine frühe Trennung von Eltern und Kind vorbringen. Gleichzeitig gilt es, die Augen vor der (volkswirtschaftlichen) Realität nicht zu verschließen. Frank Jansen vom Bundesverband katholischer Tageseinrichtungen (KTK) sieht die Kirche deshalb sogar besonders in der Pflicht: "Wenn die gesellschaftlichen Bedingungen so sind, dass viele U3-Plätze gebraucht werden, dann ist es für uns das Wichtigste, eine gute Qualität zu sichern."
Das Wissen um eine liebevolle Betreuung erleichtert Eltern die Trennung von ihren Kleinkindern. Und doch fehlt die gemeinsame Zeit. Der "Familienreport 2012" des Bundesfamilienministeriums spiegelt das in seinen Ergebnissen deutlich wider: 73 Prozent der Eltern von Kindern unter 16 Jahren hätten gerne mehr Zeit für die Familie. Unter den vollzeitarbeitenden Müttern sind es sogar 88 Prozent. Väter empfinden ähnlich. Auch sie geben in der Befragung zu 72 Prozent an, mehr Zeit für die Familie haben zu wollen. Dabei sind mehr als die Hälfte aller Eltern, 56 Prozent, der Meinung, dass ihr Betrieb zu wenig Rücksicht auf ihre zeitlichen Bedürfnisse nimmt.
Mehr Flexibilität erforderlich
Denn nach wie vor stellen plötzliche Erkrankungen ihrer Kinder die Eltern - vor allem Alleinerziehende - vor kaum lösbare logistische Probleme. Und in Bezug auf die Vater-Rolle besteht in Büros, Geschäften und Behörden zweifellos Umdenkbedarf. Der "Familienreport" mahnt denn auch an: "Die Arbeitswelt ist gefragt, wenn es um die Gestaltung familienbewusster Arbeitsbedingungen geht." Und der "Verband berufstätiger Mütter" weist mit seinem Slogan "Effizienz statt Präsenz" darauf hin, wie viel Erleichterung es bringen könnte, wenn die Arbeitsleistung der Frauen stärker am Ergebnis statt an ihrer bloßen Verweildauer gemessen würde.
Auch auf diesem Feld ist Bewegung vorhersehbar. Beeindruckende 71 Prozent der jungen, noch kinderlosen Beschäftigten geben an, bei der Wahl ihres Arbeitgebers die Familienfreundlichkeit ebenso wichtig zu nehmen wie das Gehalt. Bei beinahe einem Drittel der Beschäftigten hat die größere Familienfreundlichkeit eines Jobs sogar dazu geführt, die Stelle zu wechseln. In Zeiten wachsenden Fachkräftemangels kann das die Arbeitgeber nicht kalt lassen.
Von Gerlind Schabert
Ab dem 1. August können Eltern den Klageweg beschreiten, wenn sie für ihr Kind keinen Betreuungsplatz erhalten. Dabei ist zu bedenken: Bedarf ist am besten schon heute anzumelden. Experten rechnen nach Klagen mit einer mindestens dreimonatigen Karenzzeit. Wer sich früher rührt, könnte besser dastehen.Es gibt keinen Anspruch auf eine Wunsch-Einrichtung. Auch weiter entfernte Plätze müssen akzeptiert werden, wenn sie den Standards entsprechen.Die Kommunen haben das Recht, statt eines Kita-Platzes eine Tagesmutter anzubieten.Wer klagt, muss nachweisen können, dass ihm ohne Platz finanzieller Schaden entsteht.Eine Klage ist nur sinnvoll, wenn sie sicher gewonnen werden kann. Denn die Gerichtskosten übernimmt die verlierende Partei.