Suche
Misereor-Geschäftsführer zum Weltflüchtlingstag

"Jahrhundert der Flucht"

Dieser Inhalt ist nur erlaubt, wenn Sie Cookies vom Typ "readspeaker" zulassen.

Syrische Flüchtlinge in Jordanien.
Aachen - Syrien, Irak, Zentralafrikanische Republik: Mehr als 45 Millionen Menschen weltweit sind von Krisen, Kriegen oder Hungersnöten aus ihrer Heimat vertrieben worden. Auch in Europa steigt die Zahl der Flüchtlinge stetig. Zum Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen am Freitag erklärt Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon im Interview, warum sich gerade in der EU die Haltung zur Flüchtlingsproblematik ändern müsse.

Frage: Herr Bröckelmann-Simon, Deutschland hat sein Kontingent für Syrien-Flüchtlinge um 10.000 ausgeweitet. Ist das zufriedenstellend?

Bröckelmann-Simon: Es ist sicher gut, dass es eine Entscheidung gegeben hat, die Tür ein bisschen weiter aufzumachen. Angesichts der Dimensionen wird das aber nicht reichen. Die Aufnahmefähigkeit der an Syrien angrenzenden Staaten ist jetzt schon jenseits der Belastbarkeitsgrenze. Der Libanon hat durch offizielle und inoffizielle Flüchtlinge einen Bevölkerungszuwachs von circa 30 Prozent; in Deutschland wären das im Vergleich etwa 25 Millionen Flüchtlinge. Ähnliches gilt für andere Nachbarstaaten, zum Beispiel Jordanien und den Nord-Irak. Die Anrainerstaaten tragen stets die Hauptlast. Hier wird die EU bei ihrer Aufnahmebereitschaft einen größeren Beitrag leisten müssen, unabhängig von ihrer Hilfe vor Ort.

Frage: Deutschland ist bei den Syrien-Flüchtlingen Hauptaufnahmeland in der EU. Andererseits sind primär die Küstenländer wie Italien und Griechenland täglich mit der Flüchtlingsfrage konfrontiert.

Bröckelmann-Simon: Die EU muss sich mit der Frage beschäftigen, wie sie die Lasten fair und gerecht verteilt. Im Gegensatz zum bestehenden Dublin-III-Abkommen sollte nicht das Ankunftsland allein die Verantwortung für die Flüchtlinge tragen müssen. Stattdessen sollten je nach der Leistungsfähigkeit und nach den Möglichkeiten der Länder Quoten festgelegt werden, auf die sich alle Länder verständigen. Es braucht einen gemeinsam Umgang mit Flüchtlingen, der nicht davon geprägt ist, dass man die Flüchtlinge eigentlich nicht haben will. Das wird der moralischen und humanitären Verantwortung der EU nicht gerecht und löst ohnehin nicht das Problem. Trotz noch so hoher Zäune werden die Menschen weiter versuchen, zu fliehen und ihr Leben zu riskieren.

Frage: Woran hakt es?

Bröckelmann-Simon: Bisher wurde EU-weit vor allem in Abschottung investiert. Flüchtlinge werden vorrangig als eine Bedrohung gesehen. Auch in der Gesetzgebung überwiegt die sicherheitspolitische Perspektive. Es braucht eine langfristige Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsproblematik als humanitärer, zivilisatorischer Herausforderung. Jeder Flüchtling möchte in die Heimat zurück, das weiß ich aus vielen Begegnungen in Flüchtlingslagern überall auf der Welt. Aber die Betroffenen wissen auch, dass sie vielleicht sehr lange nicht zurückkehren können. Auch vorübergehend müssen daher Integration und Aufnahme gefördert werden. Residenzpflicht und Einschränkungen bei der Arbeitsaufnahme helfen da nicht. Eine zentrale Unterbringung erzeugt oft Probleme, auch unter den Flüchtlingen selbst.

Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon.

Frage: Gibt es einen Zeitrahmen, mit dem gerechnet werden könnte?

Bröckelmann-Simon: Dafür gibt es keine Blaupause. Das hängt sehr von der Situation in den Herkunftsgebieten ab. Keiner kann zum Beispiel vorhersagen, wie lange die Syrien-Krise noch dauert, vermutlich Jahre. Sobald die Lage vor Ort stabiler und sicherer wird, kann es dann auch Rückführungsprogramme geben. Wir haben das beim Bosnien-Krieg gesehen. Die allermeisten der Flüchtlinge bei uns in Deutschland - es waren circa 320.000 - sind zurückgekehrt. Das ist und sollte immer das langfristige Ziel sein, wenn möglich.

Frage: Die Zahl der Flüchtlingskrisen scheint derzeit stetig zuzunehmen. Neben Syrien ist jetzt der Irak verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, unter den Krisen zu priorisieren?

Bröckelmann-Simon: Priorisiert wird leider notgedrungen, da die Hilfe nie ausreicht. Geholfen werden kann aber auch nur dort, wo man hinkommen kann. Wir als Weltkirche sind überall auf der Welt vor Ort, haben zumeist schon Partner da und können über diese rasch Hilfe leisten. Aber in der Tat ist es derzeit so, dass man nicht mehr so recht weiß, wo man überall hinsehen soll.

Frage: Von den weltweit 45 Millionen Flüchtlingen sind 70 Prozent Vertriebene im eigenen Land. Müsste hier die internationale Gemeinschaft mehr unternehmen?

Bröckelmann-Simon: Alles, was in solchen Situationen die innenpolitische Lage stabilisiert, hilft. Es gibt aber auch eine internationale Verantwortung zum Schutz, zum Handeln. Das militärische Eingreifen ist dabei die Ultima ratio. Es löst die ursächlichen Probleme in der Regel nicht, sondern hilft allenfalls, dass Waffen schweigen. Die Staatengemeinschaft müsste also die Krisen früher erkennen und reagieren. In der Zentralafrikanischen Republik oder jetzt aktuell im Irak haben sich die Probleme seit Monaten abgezeichnet. Bislang ist das internationale Handeln jedoch zu oft am Tagesgeschäft orientiert. Es fehlt der langfristige Blick. Vor allem dürfen akut auf uns bedrohlicher wirkende Konflikte wie in der Ukraine nicht andere, wie in Syrien, überdecken. Das rächt sich.

Frage: Wie kann der Einzelne zu Spenden mobilisiert werden, gerade wenn die Krise Jahre dauert?

Bröckelmann-Simon: Das ist nicht einfach. Uns hat einige Unterstützung für die Syrien-Flüchtlinge erreicht. Aber es ist schwierig, dies aufrechtzuerhalten, wenn die Krisen über Jahre andauern. Die Dürre in Ostafrika 2011 hat damals viele Spenden mobilisiert und ist dann aus den Medien verschwunden. Aber das Flüchtlingslager Dadaab in Kenia, mit 500.000 Menschen das größte der Welt, ist immer noch da. Wir haben das vergangene Jahrhundert mit 80 Millionen Flüchtlingen das «Jahrhundert der Flucht» genannt, doch wir haben zu Beginn des 21. Jahrhunderts bereits 45 Millionen Flüchtlinge. Wenn das so weitergeht - was zu befürchten ist -, wird das 21. Jahrhundert weitaus mehr ein Jahrhundert der Flucht. Und darauf müssen wir uns einstellen.

Das Interview führte Anna Mertens (KNA)

Stichwort: Weltflüchtlingstag

Weltweit sind mehr als 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht vor Verfolgung und Not. Rund 33 Millionen von ihnen sind sogenannte Binnenvertriebene - Menschen, die innerhalb ihres eigenen Heimatlandes geflohen sind. Laut UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) ist mehr als jeder zweite Flüchtling jünger als 18 Jahre. Besonders problematisch ist die Lage im Bürgerkriegsland Syrien. UNHCR zufolge flohen etwa 2,5 Millionen Syrer in Nachbarstaaten, dazu kommen 6,5 Millionen Binnenvertriebene. Hilfsorganisationen nehmen den von der UN-Vollversammlung initiierten Weltflüchtlingstag am 20. Juni alljährlich zum Anlass, auf die oft lebensbedrohliche Lage vieler Heimatloser ohne ausreichende Nahrung und medizinische Versorgung hinzuweisen. (dpa)

kna-katholisch-swarm-node1 (0.014s)