Janosch – der "fromme Ketzer" – ist tot
Million Kinder brachte er zum Lachen; mit der katholischen Kirche ging er aber nicht zimperlich um. Der Schriftsteller Janosch ist heute im Alter von 95 Jahren in seiner Wahlheimat Teneriffa gestorben. Bekannt wurde Horst Eckert – so sein bürgerlicher Name – besonders mit seinem preisgekrönten Kinderbuch "Oh, wie schön ist Panama". In Interviews und Gastbeiträgen nahm Janosch derweil selten ein Blatt vor den Mund, provozierte gerne mit harschen Worten und gewagten Aussagen, die besonders oft die katholische Kirche trafen.
Janosch wurde 1931 in Oberschlesien geboren. Seine Geburt in eine katholische Familie bezeichnete er siebzig Jahre später in einem Gastbeitrag in der humanistischen Zeitschrift "diesseits" als "größten Unfall meines bisherigen Lebens". Besonders die Gottesfurcht, die vielen Kindern vermittelt wurde, störte den Zeichner und Autor mit dem großen Herzen für die Kleinsten der Welt. Seine eigene Kindheit hatte Einfluss auf Janoschs ganzes Leben und war maßgeblich für seine stete Kirchenkritik. Er wurde streng katholisch erzogen. Sein Vater war alkoholabhängig und gewalttätig. Der verpflichtende sonntägliche Kirchgang und Horrorgeschichten über Teufel und Hölle begleiteten den kleinen Horst, wie er seiner Biografin Angela Bajorek berichtete. Besonders prägend waren wohl auch Erlebnisse in einer jesuitischen Jugendgruppe während der NS-Zeit. Während Juden vernichtet wurden und Kriegsgefangene litten und starben, habe der Jesuit, der sie leitete, die Vorgänge mit den Worten "Gott lässt es geschehen. Wenn er es nicht wollte, ließe er es nicht zu" gerechtfertigt. Nach dem Krieg zog die Familie ins Oldenburger Land. Nach dem Besuch einer Textilfachschule und einer kurzen Zeit an der Akademie der Bildenden Künste in München erschien 1960 Janoschs erstes Kinderbuch, “Die Geschichte von Valek dem Pferd”.
Ein wortgewandter Querulant
Gesellschaftliche Regeln, Konventionen und die brave Orientierung an Obrigkeiten waren nie der Weg Janoschs. Die Sakramente der Kirche konnte er nicht nachvollziehen – über die letzte Ölung schrieb er etwa, die Kirche sammle dabei die noch vorhandenen irdischen Güter ihrer Kinder ein, gegen das Versprechen, von Gott entlohnt zu werden. Janosch schrecke auch nicht vor einer Karikatur zurück, die die christliche Taufe diskreditierte, indem sie zeigte, wie der Priester dem kleinen Täufling mit einem Hammer ein Kreuz in die Brust nagelte. Jesus bezeichnete er einmal als "Rebell, Fresser, Säufer, Weiberfreund" und einen "wunderbaren Wahnsinnsmenschen", der das Leben lehrte und die Welt von einem angeblichen Gott hätte erlösen können. Respekt äußerte er "heiligen Menschen" in der Kirche gegenüber – jenen also, die sich um Arme und Kranke kümmern. "Ich wollte, ich wäre ein solcher", gestand der Zeichner da.
All seine angestaute Kirchenkritik verarbeitete Janosch im Einpersonentheater "Zurück nach Uskow". 1993 wurde das Stück mit dem Untertitel "Eine Spur von Gott oder Der Hund von Cuernavaca" uraufgeführt. Der Protagonist Steiner möchte darin lachend vor den Tod treten. Als dies nicht gelingt, forscht er in seiner Kindheit in Uskow nach den Fehlern seines Lebens. Er stößt auf Kirchenhass, der auf "Verwirrung seiner Kinderseele" zurückgeht, und auf Unverständnis für die katholische Sexualmoral. In einem Straßenhund, der von den Menschen misshandelt wird, wenn er nach Essen sucht, erkennt Steiner seine eigene Beziehung zu Gott. Die autobiografischen Züge des Stücks sind offensichtlich.
Janosch war Mitglied im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung, die sich für evolutionären Humanismus und Werte der Aufklärung einsetzt. Dort zeichnete er satirische Comics, in denen er die Kirche kritisierte. 2011 antwortete er dem österreichischen “Standard” auf die Frage nach dem größten Erfolg seines Lebens: "Die Furcht vor Gott verloren zu haben. Aber vielleicht nicht ganz. Ich habe den Verdacht, dass Gott und der Teufel eine Person sind." Im selben Jahr erzählte er dem "Freitag", mit Gott befreundet zu sein, und erklärte, dafür keine Kirche zu brauchen. 2016 nannte er die Kirchengeschichte ein "2000 Jahre andauerndes Verbrechen" und nannte als Begründung Hexenverfolgung, Missionierung und Kolonialismus, die Unterstützung der Nationalsozialisten und Kindesmissbrauch. Im Magazin “Cicero” betonte er: "Bei den Märchen werden die Kinder nicht gezwungen, sie zu glauben. Nur der Katholik wird gezwungen, die Bibel zu glauben."
Im Alter nachdenklicher
Im Alter zog sich Janosch mehr und mehr nach Teneriffa zurück, wo er viele Jahrzehnte lang lebte. Seine öffentlichen Äußerungen blieben bissig, der oft satirische Janosch wurde aber nachdenklicher. Er betonte, ein Leben nach dem Tod nicht mehr auszuschließen. Seine Autobiografie "Das Tagebuch eines frommen Ketzers" erschien nie, weil er sich vor der Rache Gottes fürchte, wie Janosch 2021 der Süddeutschen Zeitung erklärte. "Vor der muss man sich ja mit zunehmendem Alter doch allmählich hüten", sagte er damals. Auch sein schlechtes Erinnerungsvermögen nannte er als Grund. Auf die Frage, welcher Irrtum besser als jede Wahrheit ist, antwortete Janosch mit "Der Gottesglaube". Auf seinem Grabstein dürfe unter keinen Umständen "Hier ruht in Gott der Schöpfer der Tigerente" stehen. Und ob Gott ein guter Typ sei, das solle man ihn in zwanzig Jahren nochmal fragen – ein Interview, dem nun sein Tod zuvorgekommen ist.