Jubel und Jammer
Zunächst einmal die gute Nachricht: Da haben wir nach der Willkommenskultur doch wirklich einmal wieder etwas überraschend gut hinbekommen! Anders, als in vielen Abgeordnetenzimmern, Gelehrtenkammern und Redaktionsstuben befürchtet, haben erfreulich viele wahlberechtigte Deutsche in den drei Bindestrichländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt ihr Wahlrecht nicht mehr nur als eher lästige Durchbrechung ihrer Sonntagsruhe betrachtet, sondern sie haben mehr als bei zurückliegenden Landtagswahlen ihre Chance genutzt, durch ihren Gang zur Urne Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen. Das Wahlrecht, demokratisches Privileg von hohem Rang, wurde von deutschen Stimmbürgern endlich wieder in dem Maße geschätzt, das für eine freie Gesellschaft unabdingbar ist. Hut ab also!
Ob es allerdings gleichermaßen klug war, wem sie ihre Stimme gegeben haben, darüber lässt sich mit Fug und Recht streiten, auch und gerade aus christlicher Sicht. Dass ausgerechnet eine Partei aus dem Stand auf zweistellige Werte kam, die vor allem für den Teil der Bevölkerung zu stehen scheint, der vollmundig und lautstark für sich beansprucht, als eine Art Generalvertretung für das gesamte Volk zu stehen, das kann nicht beruhigen. Hier besteht die Gefahr, dass Risse in unsere Gesellschaft gesprengt werden, die sich bis zu deren Fundament hindurchziehen und ihre Stabilität in Gefahr bringen.
Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, sieht in dieser Situation provozierter Angst und aufkeimender Gewalt seine und unsere Kirche stark gefordert: "Ich glaube, dass die Kirche eine Aufgabe darin hat, deutlich zu machen, was eigentlich Grundlage dieser Gesellschaft ist und sein sollte, dass man zum Beispiel Menschenwürde achtet, dass Menschen respektiert und geachtet werden."
Hier sind wir alle gefordert, und zwar jeden Tag. Wie unsere Gesellschaft aussehen soll und welche Werte sie verteidigt, das kann schließlich selbst in einer parlamentarischen Demokratie nicht allein den Abgeordneten überlassen bleiben. Auch wenn wir ihnen mit einer gestiegenen Wahlbeteiligung erst einmal den Rücken gestärkt haben.
Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.