Käßmann beklagt Bevormundung von Müttern
Die evangelische Theologin und Autorin Margot Käßmann beklagt kurz vor dem Muttertag an diesem Sonntag eine Bevormundung von Müttern durch die Gesellschaft. "Alle haben ein Bild davon, was eine gute Mutter ist", schreibt Käßmann in der Mai-Ausgabe ihrer im Freiburger Herder-Verlag erscheinenden Zeitschrift "Mitten im Leben".
Verzichteten Mütter auf eine Berufstätigkeit, um sich der Erziehung ihrer Kinder zu widmen, würden sie schnell als "Heimchen am Herd" abqualifiziert, so die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche (EKD). Seien Frauen mit Kindern dagegen berufstätig, gälten sie in Deutschland oft als "Rabenmutter". "Sie werden geradezu als verantwortungslose Egoistinnen abgetan, die ihre Kinder so schnell wie möglich loswerden wollen und sich in keiner Weise um sie kümmern, weil sie sich selbst verwirklichen wollen", schreibt Käßmann, die selbst vier erwachsene Töchter hat. Verzichteten Frauen dagegen auf Kinder, seien sie schnell als "karrieregeile Zicken" deklassiert.
Käßmann sieht "Drahtseilakt, der immens viel Kraft kostet"
Manche Frauen in Deutschland müssten sich mit 40 Jahren bei einer Kinderlosigkeit kritischen Blicken und Fragen stellen. "Dass vielleicht der Partner zur Elternschaft fehlt, es gesundheitliche Probleme gibt oder der Beruf auch einen legitimen, ganz eigenen Raum einnimmt, wird nicht wahrgenommen. Die Frage ist ja auch: Muss jede Frau Mutter sein, um ein erfülltes Leben zu haben?", so Käßmann. Hinzu kämen heute Auseinandersetzungen wie die Frage, wann ein Kind in die Kita gehen solle: "Dazu diese Bilder, dass Berufstätigkeit und Kindererziehung locker zu vereinbaren seien, was schlicht nicht stimmt. Das ist oft für Mütter ein Drahtseilakt, der immens viel Kraft kostet."
Käßmann verweist in ihrem Beitrag darauf, dass Mütter und die Umstände, unter denen sie Kinder bekämen, verschieden seien. "Es geht darum, dass sie die Freiheit haben, sich für ein Kind zu entscheiden, und die Freiheit, ihr Muttersein zu gestalten – unabhängig vom Urteil anderer", so die 60-Jährige. (stz)