Suche
Ulrich Waschki über Deutschlands Umgang mit dem Nationalsozialismus

Kein Schlussstrich unter die Vergangenheit

Dieser Inhalt ist nur erlaubt, wenn Sie Cookies vom Typ "readspeaker" zulassen.

Schachfigur
Bonn - Ulrich Waschki über Deutschlands Umgang mit dem Nationalsozialismus

"Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch" schreibt Bertolt Brecht im Nachwort zu seinem Stück "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui". Erschreckend aktuell sind Brechts Worte. Heute begehen wir den "Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus". Mit Gedenkstunden, Vorträgen, Kranzniederlegungen. Manchen ist das zu viel. Sie fordern einen Schlussstrich.

AfD-Mann Höcke mahnte jüngst eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" an, sprach von einer "dämlichen Bewältigungspolitik" und nannte das Holocaust-Mahnmal in Berlin ein "Denkmal der Schande". Deutschland stellt Höcke als Land ohne Nationalbewusstsein dar, deprimiert und niedergedrückt. Überall in Europa sind Rechte wie Höcke auf dem Vormarsch. Sie jubeln das eigene Volk hoch, verklären die Nation, missbrauchen das christliche Erbe, wollen alles vermeintlich Fremde fernhalten. Völkisch-nationalistische Töne schicken sich an, wieder salonfähig zu werden. Dass die AfD Höcke nicht aus der Partei ausschließen will, spricht für sich. Er sagt, was einige sich nicht zu sagen trauen.

Den Rechtspopulisten ist es schon gelungen, unseren Deutungsrahmen zu verschieben. Sahen wir vor Monaten in Flüchtlingen in erster Linie Menschen, die in Not waren und denen wir helfen müssen, scheinen Flüchtlinge heute erst einmal als Belastung, ja sogar als Gefahr. Nichts ist selbstverständlich. Das friedliche Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen, Religionen, Nationen nicht. Auch nicht die Einhaltung der Menschenrechte. Der Mensch ist zu schrecklichsten Taten fähig. Weil wir als Deutsche an die Verbrechen der Nazi-Barbarei, vor allem an den industriellen Mord der europäischen Juden erinnern, gehen wir nicht in Sack und Asche, wie uns Höcke und Co. einreden wollen.

Es gibt vieles, über das wir uns in unserem Lande freuen, auf das wir auch stolz sein dürfen. Aber zu einem reifen Nationalbewusstsein gehört eben auch, die dunkle Seite nicht zu verdrängen. Es geht darum, aus der Vergangenheit zu lernen, Verantwortung zu übernehmen für die eigene Geschichte, die Opfer nicht zu vergessen und dafür zu sorgen, dass niemand wieder solches Leid erfahren muss. Deshalb darf es keinen Schlussstrich geben.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

kna-katholisch-swarm-node2 (0.014s)