Kirchen müssen nerven!
Eine wenig beachtete und doch sehr interessante Passage des in Köln beschlossenen AfD-Wahlprogramms ist jene über die Kirchen. Die Partei möchte die Bezahlung von Bischöfen "aus allgemeinen Steuermitteln" abgeschafft sehen. Vorsichtiger Versuch der Interpretation: Gemeint sind offensichtlich die so genannten Staatsleistungen, Ausgleichszahlungen des Staates also, meist für die Säkularisationen des Jahres 1803. Darin enthalten sind auch Zahlungen für Bischofsgehälter; sein Gehalt aber bekommt ein Bischof formal vom Bistum überwiesen.
Das kann man aus guten Gründen für überholt halten: Ja, es wäre besser, das Spitzenpersonal der katholischen wie der evangelischen Kirche würde eindeutig und ohne staatliche Refinanzierung von der Kirche bezahlt. Diese Zahlungen allerdings ohne einen Ausgleich abzuschaffen, das traut sich nicht einmal die Linkspartei zu fordern, aus gutem Grund: Nach Ansicht der meisten Experten wäre es verfassungswidrig. Egal, nicht so wichtig offenbar für die AfD. Es kommt ja mehr auf Zorn und Zeichen an, darauf, den verhassten Kirchen eine mitzugeben, denn zur Begründung der Forderung heißt es, die Kirchen hätten "durch ihre einseitigen, demokratiefeindlichen Stellungnahmen und Handlungen gegen die legitimen Positionen der AfD" jegliches Anrecht auf staatliche Unterstützung verspielt.
Ah, so ist das im Rechtsstaat: Wenn einer nervt und querkommt, gibt's was auf die Ohren. Klingt ein bisschen nach Putin und Erdogan. Das Problem: Kirchen müssen nerven und querkommen, wenn es um die Menschenwürde geht, beim Thema Abtreibung oder Bioethik tut das Linken und Liberalen weh, beim Thema Flüchtlinge den Rechtspopulisten. Nimmt man die gescheiterten Anträge gegen die Kirchensteuer und die Knabenbeschneidung zusammen mit den triumphal verabschiedeten Passagen gegen den Islam und dem Aufruf des niedersächsischen Landesvorsitzenden Armin-Paul Hampel zum Kirchenaustritt ("in diesem Verein sollte keiner von uns mehr Mitglied sein"), dann zeigt sich: Die AfD hat ein grundsätzliches Problem mit der Religionsfreiheit, einer der wichtigsten Errungenschaften abendländischer Leitkultur.
Schade, dass dagegen kein einziger mutiger Christ im Saal aufgestanden ist und protestiert hat.
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