Kunst abseits der Dogmatik
Der Titel gibt Aufschluss: Exodus oder Das Boot Exodus. Allerdings zieht die Gruppe nicht ins gelobte Land: Der Weg führt sie weg vom Licht, hinein ins Dunkle. Der gekreuzigte Jesus thront über der Szene, im Vordergrund steht die Jungfrau mit dem Kind – es scheint, als schaue sie den Betrachter gütig an. Ein Versprechen?
Es ist nicht das berühmteste Bild, der Chagall-Ausstellung im Picasso-Museum in Münster. Die großen Publikumsmagneten sind „König David“ von 1951 oder die Serie zum „Hohelied“ von 1957. Doch „Exodus oder Das Boot Exodus“ von 1948 ist einer der verborgenen Schätze und zeigt, was die Besucher der Ausstellung „Chagall und die Bibel“ entdecken können: einen Künstler, der Judentum und Christentum, Sakrales und Profanes, Antike und Moderne jenseits aller Dogmen zu einem stimmigen Ganzen komponiert.
Die "Exodus 1947" war eines der Schiffe, mit dem tausende Juden nach dem Zweiten Weltkrieg gen Palästina flüchten wollten, das damals britisches Mandatsgebiet war. Den Briten war jedoch daran gelegen, nicht zu schnell zu viele Juden einwandern zu lassen – zum einen damit der Konflikt mit den einheimischen Arabern nicht eskalierte, zum anderen weil die Militärregierung sich nicht in der Lage sah, die vielen Menschen unterzubringen und zu verpflegen. Sie verweigerten den Flüchtlingen die Einreise und schickten sie wieder zurück in ihre Heimatländer. Ein Vorgehen, das hohe Wellen schlug und heftig kritisiert wurde.
Chagall und die Radierbibel
Chagall erhielt 1939 von dem Verleger Ambroise Vollard den Auftrag, die Bibel zu illustrieren – das brachte ihm, dem Juden, viel Kritik neidischer Kollegen ein. Das Picasso-Museum zeigt insgesamt 160 Gemälde, Grafiken, Keramiken, Skizzen und Glasmalereien, aus den Jahren 1931 bis 1978, die sich allesamt mit den Motiven der Bibel auseinandersetzen. Im Zentrum stehen jene Illustrationen, an denen Chagall, unterbrochen durch den Zweiten Weltkrieg und seine Flucht in die USA, bis 1957 arbeitete.
"Exodus oder Das Boot Exodus" ist ein Beispiel dafür, wie es Chagall gelingt, zeitgenössische politische Ereignisse mit biblischen Motiven zu verknüpfen. Ein Schema, das sich durch die gesamte Ausstellung zieht. Auch autobiografische Elemente sind in seinen Bildern zu finden – die schwebende Frauengestalt stellt seine verstorbene Frau Bella dar. Und in dem gekreuzigten Jesus Christus hat der Kunsthistoriker Christoph Goldmann ein Symbol für die Verfolgung der Juden in Europa identifiziert. Chagall hat zudem verschiedene Elemente christlicher und jüdischer Bildsprache verwendet. Auch dies gab viel Anlass zur Kritik: Der Kunsthistoriker und Theologe Herbert Schade zum Beispiel verortet Chagalls Werk irgendwo im theologischen Niemandsland zwischen den Konfessionen und wirft ihm allzu freien Umgang mit der biblischen Bildtradition vor. Der Philosoph und Zeitgenosse Jacques Maritain wendet eben dies ins Positive und lobt Chagalls Werk als „undogmatisch und von theologischen Konzepten geläuterte Kunst“. Demensprechend wird Chagall, dem jedwede verengende Dogmatik zuwider war, im Ausstellungskatalog als großer Brückenbauer zwischen Judentum und Christentum gefeiert.
Nicht chonologisch sondern thematisch
Die Bilder sind nicht chronologisch sondern thematisch sortiert, so werden dem Besucher auf zwei Etagen Einflüsse, Arbeitsweise und Werk Chagalls vermittelt. Um diesen Überblick zu gewährleisten, hat sich das Picasso-Museum insgesamt 50 Bilder aus dem Chagall-Museum in Nizza und dem Centre Pompidou in Paris ausgeliehen, weitere 70 Bilder stammen aus Privatbesitz. Dass das Museum diese Bilder zeigen kann, ist keineswegs selbstverständlich, betonte Birthe Sarrazin, Pressesprecherin des Picasso-Museums, anlässlich der Ausstellungs-Eröffnung. Gerade das Chagall-Museum in Nizza leihe seine Bilder sehr ungern aus. "Der gute Kontakt zu Chagalls Erben und unser Konzept haben es ermöglicht, dass wir die Bilder trotzdem bekommen haben", so Sarrazin. Auch Efraim Yehoud-Desel war bei der Eröffnung anwesend. Der Rabbi hat an dem Konzept mitgearbeitet und führt fünfmal selbst durch die Ausstellung (siehe Info-Box). Dabei lenkt er den Blick besonders auf die jüdischen Elemente in Chagalls Werk.
Die Ausstellung "Chagall und die Bibel" gewährt einen tiefen Einblick in das Schaffen Marc Chagalls. Mit dem Audio-Guide finden auch Neulinge schnell Zugang zu Chagalls Werk. Neben den großformatigen Bildern beeindruckt vor allem der Entwurf für ein Fenster der Saint-Etienne-Kathedrale in Metz, der in Originalgröße und von hinten angeleuchtet auf der zweiten Etage präsentiert wird.
Von Michael Richmann
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr, freitags bis 20 Uhr. Während der langen Nacht der Museen am Samstag, 12. Januar 2013, kann die Chagall-Ausstellung bis 22 Uhr besichtigt werden. Die Ausstellung endet am Sonntag, 13. Januar. Führungen: Führungen werden täglich um 16.30 Uhr angeboten und kosten zusätzlich 5 Euro. Samstags, sonntags und an Feiertagen gibt es weitere Führungen um 15 Uhr. Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 8 Euro. Kinder bis 16 Jahre zahlen 4 Euro. Audio-Guide und Katalog: Der Audio-Guide ist auf Deutsch, Englisch und Niederländisch erhältlich und kostet 3 Euro, der Ausstellungskatalog auf Deutsch oder Englisch kostet 24,90 Euro.