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Der Nordfriedhof von Manila ist Lebensquelle für Tausende Familien

Leben unter Toten

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Auf dem Nordfriedhof in Manila leben Tausende Menschen auf und neben den Gräbern.
Manila - Manuel Feliciano schlägt mit dem Meißel auf die Marmorplatte, dass ihm die Splitter ins Gesicht fliegen. Es ist sein zweiter Grabstein, der an diesem Tag fertig sein muss, am Nachmittag ist die Beerdigung. "Aber ich habe noch genug Zeit", sagt der 49-Jährige. Eine Stunde sitze er normalerweise an einem Stein.

Manilas Nordfriedhof ist einer der ältesten und größten der Philippinen. An den Tagen rund Allerheiligen herrscht Hochbetrieb unter den Lebenden. Es ist der traditionelle Tag, an dem die Philippiner ihrer gestorbenen Verwandten gedenken. Früher am Morgen hatte Feliciano mit anderen Arbeitern zwei Gräber geschaufelt, später will er seiner Frau und den Kinder beim Säubern von Gruften helfen. Mit verschiedenen Arbeiten hält er sich über Wasser, so kommt er am Tag auf rund 100 Pesos (rund 1,70 Euro). "Solange du nicht faul bist, findest du hier Arbeit", sagt Feliciano. "Man verdient nicht das große Geld, aber es reicht für drei Mahlzeiten am Tag."

Der Nordfriedhof ist die Existenzgrundlage für rund 3.000 Familien. Das 54 Hektar große Gelände ist gleichzeitig ihr Zuhause. Viele wohnen seit mehr als 30 Jahren dort. Sie sind dankbar für die Regelmäßigkeit, mit der für sie hier Arbeit abfällt. Mehr als eine Million Menschen sind auf dem Nordfriedhof begraben, darunter ehemalige Präsidenten, Künstler und Filmstars. Jede Woche gibt es mindestens 100 Beerdigungen. An den Tagen vor Allerheiligen werden mehr Helfer als sonst gebraucht. Sie säubern Mausoleen, streichen Gruften frisch an und erledigen andere Handlangerdienste für die Grabpflege.

Angst vor den Lebenden

Felicianos Frau Milagros pflegt mindestens 15 Gräber im Jahr. "Was wir verdienen, ist nie genug, aber wenigstens kommt Geld rein", sagt die 50-Jährige. "Wir sind immer noch gut dran im Vergleich zu anderen jenseits des Friedhofs, die gar keine Arbeit haben." Viele Kunden habe sie von ihren Eltern übernommen, die zu alt für die Arbeiten sind. Die Eltern haben diese von den Großeltern geerbt, die schon auf dem Nordfriedhof begraben sind, erzählt die 50-Jährige. "Mein Mann bringt unseren Kindern bei, wie man Gräber pflegt, damit sie wissen, was zu tun ist, wenn wir eines Tages sterben."

Manuel Feliciano schlägt in seiner Werkstatt auf dem Nordfriedhof von Manila mit dem Meißel auf die Marmorplatte eines Grabsteins.
Manuel Feliciano schlägt in seiner Werkstatt auf dem Nordfriedhof von Manila mit dem Meißel auf die Marmorplatte eines Grabsteins.

Die Arbeit ist ungesund. Feliciano trägt keine Schutzkleidung, legt mit bloßen Händen Knochen und andere Überreste frei. "Ich habe mich immer noch nicht an den Geruch gewöhnt, der kommt, wenn man eine Gruft öffnet", gesteht er. Manchmal übergebe er sich - "besonders wenn die Leichen noch nicht bis auf die Knochen trocken sind".

Remigio Landrito hingegen hat sich nach 30 Jahren im Beruf mit den seltsamen Arbeitsbedingungen abgefunden. Für den 54-Jährigen sind Tote kein Grund zum Gruseln. "Ich habe mehr Angst vor den Lebenden. Die Toten können nicht aufstehen und dir wehtun", sagt er. Das Härteste sei für ihn gewesen, seinem ältesten Sohn das Grab zu schaufeln, der an Knochenkrebs starb. "Er war mein Partner bei der Arbeit", sagt Landrito. "Er ist jetzt in unserem Haus begraben."

Umgeben von Toten

Drei Bestattungsunternehmen vermitteln ihm "Klienten", also die Leichen und dazu die Bestattungsarbeiten. Das bessere sein Einkommen auf, sagt Landrito. "Die Bestattungshäuser bringen drei oder vier Klienten in der Woche, die Arbeit kann ich mit anderen Freunden teilen." 1.000 Peso ließen sich so pro Beerdigung verdienen. Eine einfache Bestattung am Nordfriedhof koste rund 10.000 Pesos, ein Zehntel von dem, was man auf einem der privaten Friedhöfe zahle, sagt Landrito. Im Preis enthalten sind Genehmigungen, Materialkosten für das Grab, die Arbeitslöhne und eine fünfjährige Gruften-Miete.

Von den Toten umgeben zu sein, habe es ihm leichter gemacht, das Unvermeidliche zu akzeptieren, erklärt der Grabsteinbauer Feliciano. "Ich habe keine Angst mehr zu sterben", sagt er. Er schätze sich glücklich, eines Tages selbst auf dem Nordfriedhof begraben zu werden. Denn dann, sagt er, sei seine Familie immer bei ihm.

Von Girlie Linao (dpa)

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