Lebenslange Suche
Für die ZDF-Reihe "37 Grad" hat Martina Morawietz eine Frau begleitet, die über 50 Jahre lang geheim gehalten hat, dass sie in Kanada einen Sohn geboren hat. Der Film "Ein Leben lang vermisst. Wer ist meine Mutter, wo ist mein Kind?" erzählt ihre Geschichte, aber auch das Schicksal einer Frau, die von der Mutter zur Adoption freigegeben wurde und jahrelang nach ihrer Mutter und nach ihrem Vater gesucht hat. Der Film ist heute (30. Juli) um 22.15 Uhr zu sehen.
Ingrid Z. war schon fast 80 Jahre alt, als sie sich ihrer besten Freundin anvertraute. In den 1950er Jahren lebte sie in Kanada. Die junge Frau arbeitete in der Gastronomie und genoss das Leben. Dann wurde sie schwanger. Der Mann wollte nichts mehr von ihr wissen, zog sich wegen des zu erwartenden Kindes zurück. Ein uneheliches Kind zu bekommen, war damals in Deutschland eine große Schande. Ingrid Z. war ratlos und entschloss sich, ihr Baby gleich nach der Geburt in Kanada zur Adoption freizugeben. Was aus dem Baby wurde, hat sie nie erfahren. Die Freundin begann, den unbekannten Sohn in Kanada zu suchen.
Mütter, die ein Kind wiederfinden wollen, sind eher die Ausnahme
Beim Verein "Familie International" in Frankfurt bekam sie schließlich Hilfe. Der Verein begleitet einerseits Adoptionen und hilft andererseits nach Adoptionen, die leibliche Mutter, den Vater, Halbgeschwister oder die Kinder zu finden. Mütter, die - wie Ingrid Z. - ein Kind wiederfinden wollen, sind eher die Ausnahme.
Umso ungewöhnlicher war es, dass diese Suche mit einem Happy-End endete. Im Oktober 2011 konnte Ingrid ihren mittlerweile 55-jährigen Sohn Randell in die Arme schließen. Er war mit seiner Frau zu Besuch nach Deutschland gekommen. Im Herbst 2012 begleitete die Autorin Martina Morawietz Ingrid Z. auf ihrer Reise nach Kanada. Dort traf die alte Dame nicht nur auf ihren Sohn und ihre längst erwachsenen Enkelkinder, sondern auf Randells ganze Familie. Gemeinsam feierten sie Thanksgiving. Die Autorin war beeindruckt von dem stillen Einvernehmen zwischen Mutter und Sohn. "Irgendetwas blühte auf in den beiden", erinnert sie sich.
Die Mutter bedeutete ein Stück Hoffnung
Weniger erfolgreich war die Suche von Helene B. Die heute 49-jährige Frau kam aus einem Kinderheim zu einer Pflegefamilie, die sie adoptierte. Zwischen dem Kind und den Adoptiveltern kam es zu Konflikten. Mit 16 Jahren lief Helene zum ersten Mal weg. In dieser schwierigen Zeit, dachte sie immer, alles würde gut werden, wenn sie ihre leibliche Mutter finden könnte. Die Mutter bedeutete ein Stück Hoffnung für sie.
Die heiß ersehnte Begegnung aber verlief kühl. Helenes Träume erfüllten sich nicht. Mittlerweile hat sie ihre eigene Familie gegründet; das Rätsel ihrer Herkunft beschäftigt sie aber noch immer.
Sie sucht jetzt nach ihrem Vater. Für Randell und Ingrid hingegen ist es ein großes Glück, sich gefunden zu haben. Obgleich der Sohn eine gute Adoptivmutter hatte, gab es da immer etwas Unbestimmtes, das er vermisste.
Adoptivkinder hätten eine stärkere Sensibilität für Ablehnung als andere, erklärt die Autorin. Aus den Geschichten, die ihr Film erzählt, kann man die problematischen Folgen einer anonymen Adoption herauslesen. Das Gefühl "Verlassen worden zu sein" und das Gefühl "Verlassen zu haben" - für die Kinder wie für die Mütter ist es eine große Hypothek.
Von Monika Herrmann-Schiel (KNA)
"37 Grad: Ein Leben lang vermisst. Wer ist meine Mutter, wo ist mein Kind?" ist ein Film von Martina Morawietz. Das ZDF zeigt die Dokumentation am Dienstag, 30. Juli, um 22.15 Uhr.