Legitime politische Mitsprache
Ja, es war wieder ein Kirchentag mit viel Politik und mancherlei Skurrilitäten ("Arbeitsgruppe SM und Christentum"). Das übliche Verweltlichungs- und Linkslastigkeits-Bashing von konservativer Seite wirkt dennoch etwas aus der Zeit gefallen. Die politische Großwetterlage hat sich verändert. Das "Linkstrend stoppen!" ist nicht mehr die größte Sorge angesichts der von Moskau unterstützten rechtspopulistischen Verrohung. Gegenüber dieser Gefahr sitzen Katholizismus, liberaler Kulturprotestantismus und demokratischer Staat in einem Boot.
Als der Katholikentag 2016 AfD-Politikern keine Bühne bot, argumentierten Schlaumeier, gerade das habe den Rechten übermäßige Aufmerksamkeit verschafft. So kann man sich irren: Die diesmal geladene Sprecherin der AfD-Christen wurde hinter Obama zum Publikums- und Medienmagneten Nummer Zwei. Sie heimste dank Antifa-Eifer und Underdog-Effekt sogar Lob ein: "Mutig" nannte ein inklusionsseliger Gottesmann die ethisch desorientierte Fundamentalistin.
CDU-Politiker sind auf dem Kirchentag kein rotes Tuch mehr, sondern durchaus "gängig". Das liegt erstens daran, dass der christdemokratische Anspruch, "Die Mitte" zu sein, plausibler ist denn je. Zweitens hat der Protestantismus in Gestalt von Merkel, Schäuble, de Maizière, von der Leyen, Kauder, Tauber und Co die regierende CDU übernommen, sinnfällig werdend im überkonfessionell geschmetterten "Ein feste Burg ist unser Gott" am Mittwochabend in der CDU-Parteizentrale, nach einer starken Rede des EKD-Ratsvorsitzenden. Drittens hatten Deutschlands Protestanten stets die Nase im Wind des Wandels, und so müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn sie das Ende der kulturellen Hegemonie von Sozialdemokraten und Grünen nicht mittelfristig mit vollzögen.
So berechtigt der Vorwurf der "Politisierung" der Kirche manchmal erscheint, so heuchlerisch klingt er aus dem Mund derer, denen bloß die Richtung nicht passt, während sie nationale, antiliberale und antihumanitäre Polit-Einlassungen von Klerikern wie Trophäen herumreichen. Gegen solche Agitation gilt es die legitime politische Mitsprache der Kirchen zugunsten von Menschenwürde, Grundrechten und Demokratie zu verteidigen. Nie wieder soll jemand christliche Versäumnisse darin später beklagen oder bereuen müssen. Übrigens geht es rechter Politisierung anders als linker nur um "das Eigene". Vielleicht stößt sie deshalb in den Kirchen übler auf.
Die wichtigste politische Leistung der Kirche besteht allerdings darin, "dass sie ihren Raum als Kirche behauptet und ausfüllt", so Karl Barth: "Keine direkte Aktion, die sie, in wohlmeinendem Eifer selber halb oder ganz politisch handelnd" unternehme, könne "auch nur von Ferne" mit der positiven Relevanz der Glaubensverkündigung verglichen werden, mit der "schriftgemäßen Predigt und Unterweisung" und "Verwaltung der Sakramente"; "indem sie diese Aktion vollzieht, ist sie es, die, im geschöpflichen Raum betrachtet, den Staat begründet und erhält". Auch wenn Gottesdienst und Verkündigung beim Kirchentag mehr Raum einnahmen als medial berichtet – bei dieser Erkenntnis gibt es in beiden Konfessionen sicher noch Luft nach oben.
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