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Interview über den MH17-Absturz mit dem Notfallsseelsorger Jürgen Langer

"Leichenbilder fügen neue Schocks zu"

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Bonn - Diesen Augenblick haben die Hinterbliebenen herbeigesehnt: Das Flugzeug, das die ersten Todesopfer aus dem in der Ostukraine abgeschossenen Flugzeug MH-17 zurück in die Niederlande bringt, landet am Mittwochnachtmittag in Eindhoven. Bis dahin haben die Trauernden tagelang mit ansehen müssen, wie ihre Angehörigen zum Spielball der internationalen Politik wurden. Notfallseelsorger Jürgen Langer erklärt, wie Menschen mit der Trauer ohne Leiche fertig werden.

Frage: Pater Langer, in wie weit ändert sich die Trauerarbeit, wenn es keine Leiche gibt?

Jürgen Langer: Es geht erst einmal um den Beginn der Trauer. Denn zunächst befinden sich die Angehörigen in einer akuten Schockphase. Stellen Sie sich vor, Sie haben gerade jemanden zum Flughafen gebracht, sich noch herzlich verabschiedet und dann kommt im Radio, dass die Maschine abgestürzt ist – oder, wie in diesem Fall, sogar abgeschossen wurde. Dann ist das für jeden Hinterbliebenen eine schier unfassbare Nachricht. Viele Hinterbliebenen wehren sich dagegen und hoffen, dass plötzlich das Telefon klingelt und der Angehörige sagt, dass er zum Beispiel den Flieger verpasst hat oder doch alles ganz anders war.

Dann geht es darum, den Angehörigen erst einmal die Realität zu vermitteln, Gewissheit zu schaffen – sachliche Gewissheit und emotionale Gewissheit. Und da spielt es eine gravierende Rolle, ob der Verstorbene erreichbar ist – um ihn zum Beispiel beerdigen zu können.

Frage: Macht es für die trauernden Angehörigen einen Unterschied, ob ein Mensch bei einer militärischen Aktion oder eine Naturkatastrophe gestorben ist?

Langer: Man kann vom menschlichen Krisenverhalten her klar unterscheiden zwischen Ereignissen, die im engeren Sinne Unfälle sind und Katastrophen, die von Menschen verursacht worden ist. Das sind zum Beispiel Tötungsdelikte; und dann steht die Frage der Schuld im Vordergrund. Die Reaktionen der Angehörigen zeigen, dass es da eine unglaubliche Wut gibt.

Ein Mann im blauen Karohemd und einem blauen Sweat-Shirt steht vor einen Bücherregal.
Der Bonner Notfallseelsorger und Redemptoristenpater Jürgen Langer.

Frage: Spielen dann auch Gefühle wie der Wunsch nach Rache und Vergeltung eine Rolle?

Langer: Das sind ganz tief menschliche Empfindungen, die man auch erstmal zulassen sollte. Dann stellt sich jedoch die Frage, wie die Menschen damit umgehen. Denn in den allermeisten Fällen gelingt es tatsächlich, dass die Menschen nach einiger Zeit diese Empfindungen und Gedanken beiseite lassen. Es gibt aber auch Menschen, die das noch jahrelang mit sich herumtragen.

Frage: In diesem Fall kommt noch hinzu, dass die Leichen offenbar zum Spielball der Politik wurden. Belastet das zusätzlich?

Langer: Die Leichen sind tatsächlich zu einem Spielball der Politik geworden. Und das durch die Medien mitzuerleben ist eine unglaubliche seelische Belastung. Und je mehr Details über die Medien transportiert werden, desto unerträglicher wird das für die Angehörigen. Hinzu kommt aber auch – gerade bei Unglücken im Ausland – dass es immer sehr unterschiedliche Zugänge und Ansätze der Behörden gibt: Was wir in der Ukraine erleben, ist natürlich nochmal eine Zuspitzung. Aber auch in anderen Ländern ist es durchaus üblich, dass die Bergungen nicht nach unserem europäischen Standard verlaufen.

Frage: Das heißt, der in den Medien oft als "würdelos" bezeichnete Abtransport ist eine Frage der Perspektive?

Langer: Genau. Einmal eine Frage der Perspektive. Aber auch eine Frage danach, wer am Ende diese Tätigkeit übernehmen muss: sind das, wie in vielen Ländern üblich, einfach irgendwelche Polizei- und Militärkräfte, die für den Abtransport der Leichen abgestellt werden oder sind es tatsächlich Bergungsexperten, die sich auf ihre Aufgabe vorbereitet haben und die sich auch mit den Fragen der Angehörigen beschäftigt haben.

Rauch und noch glühende Trümemrteile liegen in einer grünen Abendlandschaft mit bewölktem Himmel. Links in der Ferne sieht ein Strommast wie ein großes Kreuz aus.
Trümmerteile der am 17. Juli 2014 über der umkämpften Ostukraine abgestürzten Boeing 777 des Malaysia Airlines Fluges MH17 von Amsterdam nach Kuala Lumpur.

Frage: Aber die Bilder von den eher unprofessionell abtransportierten Leichen sind in der Welt. Die Nachrichten haben auch zerwühltes Gepäck gezeigt. Wie gehen Angehörige damit um?

Langer: Die erste Phase des Schocks kann mehrere Tage andauern. Diese Bilder fügen dem durchaus neue Schockmomente hinzu. Die innere Beruhigung tritt erst im Laufe der kommenden Tage und Wochen ein, wenn klar ist, dass die Verstorbenen zumindest in den Händen niederländischer Spezialisten sind, wenn nicht schon nicht in den Niederlanden selbst.

Viele Angehörige suchen geradezu nach neuen Informationen verfolgen die Berichte sehr detailliert – obwohl sie dadurch belastet werden. Andere verschließen sich der Medienwelt und schalten die Nachrichten einfach ab.

Frage: Und wie können Sie als Notfallseelsorger dabei helfen?

Langer: Unsere Aufgabe ist es zunächst einmal, die Angehörigen mit gesicherten Informationen zu versorgen. Da hängen auch immer ganz viele organisatorische Fragen dran. Viele Angehörige wollen einfach wissen: Was passiert da jetzt, wie bekomme ich die Leichen meiner Eltern, meiner Kinder oder meiner Freunde jetzt wieder nach Hause überführt. Ein zentraler Punkt ist aber auch, dass wir keine Fragen beantworten, die nicht gestellt wurden; es gibt ja auch Informationen, die sind unnötig grausam.

Außerdem kümmern wir uns auch emotional um die Menschen – ihnen zuzuhören und zu zeigen, dass ihnen belastbare, gut ausgebildete Leute zur Seite stehen und sie sich nicht scheuen müssen, Emotionen zu zeigen.

Frage: Stellten Angehörige in so einer Situation auch die Frage nach Gott und warum er das zulässt?

Langer: Das passiert – allerdings nicht so häufig wie viele meinen. Es ist klar, dass solche Erlebnisse bei den meisten Leuten auch eine religiöse Krise auslösen. Dann entstehen natürlich Fragen. Wo war Gott? Warum hat Gott ihn nicht beschützt? Gleichzeitig gibt es aber auch Menschen, die in so einer Situation das Religiöse erst entdecken – oder neuentdecken – und darauf hoffen, dass Gott einen Menschen zu sich nimmt und dass er trotz des schrecklichen Ereignisses bei ihm geborgen ist.

Das Interview führte Michael Richmann

Zur Person

Pater Jürgen Langer ist Mitglied des Redemptoristen-Ordens und lebt in Bonn. Er ist katholischer Beauftragter der Bonner Notfallseelsorge und Mitglied des Krisen-Interventionsteams West (KIT) der deutschen Bundesregierung.

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