Lütz fordert staatliche Missbrauchsaufarbeitung für Kirchen und Sport
Der Psychiater und Theologe Manfred Lütz fordert eine Auflösung der Aufarbeitungskommissionen der Bistümer zugunsten eines staatlichen Aufarbeitungsgremiums, das eine wissenschaftliche Untersuchung von Missbrauch in der katholischen und evangelischen Kirche und im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) organisiert. In einem Beitrag im "Spiegel" schrieb Lütz am Montag, dass die "theatralische Überbelichtung des Missbrauchsthemas in der katholischen Kirche" zu einer "gefährlichen Unterbelichtung in anderen Bereichen" geführt habe. Das Ergebnis der bisherigen Zurückhaltung des Staates bei der Aufarbeitung sei, dass niemand wirklich Verantwortung übernehme und die Betroffenen sich nicht ausreichend gehört und entschädigt fühlten. Die katholische Kirche stecke in "sinnlosen Aufarbeitungsriten", aus denen sie nicht herauskomme.
Lütz begrüßte daher den Plan der Bundesregierung, eine unabhängige staatliche Untersuchung in die Wege zu leiten und sprach sich für eine hochrangige zentrale Expertengruppe aus "unabhängigen Persönlichkeiten ohne innerkirchliche oder innerverbandliche Agenda" aus, die diese Aufgabe übernehmen soll. In der Gruppe sollen Sexualwissenschaft, forensische Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Aussagepsychologie, Traumatherapie, historische, staatsanwaltliche und richterliche Kompetenz vertreten sein. Die jetzige Aufarbeitung in der katholischen Kirche durch 27 diözesane Aufarbeitungskommissionen sei eine Fehlkonstruktion. Es brauche gleiche Rahmenbedingungen, um wissenschaftliche Vergleichbarkeit zu erreichen und vermutete systemische Ursachen mit Daten zu belegen, betonte der Psychiater. Die kirchlichen Aufarbeitungskommissionen müssten aufgelöst werden und ihre Daten der staatlichen Untersuchungskommission übergeben werden. "Diese Gruppe sollte das Recht haben, alle Archive der Kirchen und im Bereich des DOSB einzusehen", ergänzte Lütz. Außerdem müsste eine ausreichend finanzierte "wirklich unabhängige" Betroffenenvertretung eingerichtet werden, die die Betroffenen schon lange forderten und die das Projekt aktiv kritisch begleitet.
Bisherige Missbrauchsaufarbeitung schade Opfern und mache Täter gefährlicher
Die bisherige Form kirchlicher Aufarbeitung schade sogar dem eigentlichen Anliegen. "Als Psychotherapeut gewinnt man den Eindruck, dass die Missbrauchsaufarbeitung in Deutschland den Opfern schadet und Täter gefährlicher macht", so Lütz. Es werde zum Problem, dass "Täter inzwischen unterschiedslos karikaturhaft als Monster gelten, Opfer ebenso karikaturhaft als lebenslange Wracks". Eine erfolgreiche Therapie von Betroffenen sei nicht möglich, wenn eine "öffentliche Schädigungssuggestion" Opfer in ihrem Opfersein festhalte. Zeichne man Täter "unterschiedslos karikaturhaft als Monster", motiviere das Täter und potentielle Täter nicht, sich um Therapie zu bemühen. "Wenn zwischen einer unangemessenen Berührung vor 30 Jahren und der Serienvergewaltigung eines Kindes kein Unterschied mehr gemacht wird, dann gibt es für ein ganz breites Täterspektrum kein realistisches Ziel für eine Therapie, weil in jedem Fall soziale Ächtung droht", erläutert der Psychiater. Kampagnen, um pädophile Menschen zu einer Therapie zu bewegen, seien in den letzten Jahren gescheitert: "Wer outet sich schon gern als Monster?", fragte Lütz.
Die Aufarbeitungskommissionen der Bistümer gehen auf eine Vereinbarung des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung und der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) zurück, die 2020 unterzeichnet wurde. Demnach soll es in allen 27 Bistümern künftig eine unabhängige Kommission zur Aufarbeitung geben. Darin sollen Vertreter des Bistums, Experten aus Wissenschaft, Fachpraxis, Justiz und öffentlicher Verwaltung sowie Betroffene sitzen. Die Kommissionen sollen sich auch mit den Fällen befassen, die wegen Verjährung oder Tod nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden können. Neben einer quantitativen Erhebung von Fällen soll es auch darum gehen, wie die Verantwortlichen im Bistum mit Tätern und Betroffenen umgegangen sind. Auch sollen Strukturen benannt werden, die Missbrauch ermöglicht oder begünstigt haben. Auch eine bistumsübergreifende Zusammenarbeit ist vorgesehen. Die DBK dokumentiert den Stand der Umsetzung der gemeinsamen Vereinbarung auf ihrer Webseite.
Manfred Lütz ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Diplom-Theologe und Bestsellerautor. Bis 2019 leitete er das katholische Alexianer-Krankenhaus in Köln, ein Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie. 2003 organisierte er im Auftrag von Kardinal Joseph Ratzinger im Vatikan einen Kongress zum Thema "Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester und Ordensleute". Seit 2004 ist er Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben, 2018 ernannte ihn Papst Franziskus außerdem zum Mitglied des heutigen Dikasteriums für Laien, Familie und Leben. (fxn)
5. September 2022, 12.20 Uhr: Biographie korrigiert.