Marx: Den Schrecken beim Namen nennen
Über 1100 Menschen waren zu der Messfeier gekommen. Ohne die Türkei als Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches wörtlich zu nennen, fand Marx während der Messfeier zum Gedenken an die Tötungen, die am 24. April 1915 begannen, doch deutliche Worte: "Für die Nachkommen der Täter heißt es, der historischen Schuld der eigenen Nation ins Auge zu blicken, dem Versagen der Vorfahren nicht auszuweichen, nicht zu lavieren, nicht zu bagatellisieren – und so auf einen Neubeginn zu hoffen, der dem eigenen Land schließlich auch zur Ehre gereicht."
Marx: Nur wer sich der Vergangenheit stellt, findet Versöhnung
Doch auch für die Armenier, die Nachfahren der Opfer des Genozids, hatte er eine Botschaft: Vergeltung und Hass seien nicht der richtige Weg, sondern hätten am Ende doch eine selbstzerstörerische Wirkung. "Nur die Vergebung, die Bereitschaft zur Aussöhnung befreit ein Volk der Opfer davon, für alle Zeiten hoffnungslos an die dunkelsten Stunden der eigenen Geschichte gebunden zu bleiben", erklärte Marx. Er leitete seine Worte aus den Seligpreisungen in der Bergpredigt Jesu her. Selig gepriesen werden dort nicht diejenigen, die über Wohlstand, Wissen und Macht verfügen, sondern die Friedfertigen, die Leid annehmen, Gerechtigkeit suchen und Barmherzigkeit üben.
Mit Spannung war erwartet worden, ob Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede nach dem Gottesdienst das Wort "Völkermord" aussprechen würde. Er tat es – und das gleich an mehreren Stellen. Eine der Formulierung war gleichlautend der zurückhaltenden Formulierung, die sich auch im Antrag der Fraktionen von Union und SPD für die Gedenkstunde des Bundestags am Freitag findet."Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist", erklärte Gauck. Noch deutlicher fügte er hinzu: "Einheits- und Reinheitsideologien enden nicht selten in Ausschluss und Vertreibung und in letzter Konsequenz in mörderischer Tat. Im Osmanischen Reich entwickelte sich daraus eine genozidale Dynamik, der das armenische Volk zum Opfer fiel." Auch die Deutschen trügen Mitverantwortung, "unter Umständen sogar Mitschuld", wenn es um den "Völkermord an den Armeniern" gehe. (gho/KNA)
Eine zentrale Bedeutung nahm in Marx‘ Predigt auch die seit Tagen schwelende Diskussion ein, ob der Massenmord als Genozid bezeichnet werden sollte. Während weltweit 22 Staaten offiziell von einem Völkermord sprechen, war das Wort in einen Antrag des Bundestags zu einer aktuellen Debatte am Freitag erst nach massiver Kritik eingebaut worden. Marx forderte nun in seiner Predigt, "den Schrecken beim Namen zu nennen". Nur wer sich der Vergangenheit stelle, könne deren Schrecken bannen und Wege des Neuanfangs und der Versöhnung gehen. Als Beispiel dafür nannte er die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland. Das Nachkriegsdeutschland habe nach den in der Geschichte beispiellosen Verbrechen eine "unverdiente Chance der Aussöhnung" erhalten. "Wir haben Vergebung erfahren. Aber der Preis ist der Mut zur Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Geschichte und die wirkliche Bereitschaft, auf die Opfer und ihre Nachkommen zu hören", so Marx wörtlich.
Erschossen, erschlagen, in Flüssen ertränkt
Die Vertreibungen aus Armenien, von denen auch Aramäer und Pontos-Griechen betroffen waren, seien ein "Menschheitsverbrechen", das jeden einzelnen Menschen mit den eigenen moralischen Abgründen konfrontiere. Diese Beschreibung illustrierte Marx mit einer schnörkellosen Beschreibung der Deportationen: "Die Menschen verhungern und verdursten auf dem Fußweg in die Wüstenlager, in die sie verbracht werden sollen. Viele werden auf diesem Marsch erschossen, erschlagen, in Flüssen ertränkt."
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz erinnerte an die Worte von Papst Franziskus, der kürzlich seinerseits an einen Ausspruch Papst Johannes Paul II. zitiert hatte. Der polnische Papst hatte gesagt, das Unrecht an den Armeniern werde allgemein als erster Genozid des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Marx unterstützte in seiner Predigt das Beharren der Armenier auf diesen Begriff: "Ich verstehe gut, warum die Nachfahren der Opfer auf dieser Charakterisierung beharren. Sie wollen die jahrzehntelange Geschichte des Leugnens, Verdrängens und Bagatellisierens definitiv beendet wissen, die sie als fortdauernde Demütigung der Opfer verstehen". Die Taten dürften keinesfalls als "allgemeines kriegsbedingtes Geschehen" verharmlost werden.
Unrühmliche Rolle des Kaiserreiches
Ein Stück Aufarbeitung versucht Marx selbst zu leisten, indem er ausführlich auf die unrühmliche Rolle des Deutschen Kaiserreichs während des Massenmords einging. Denn obwohl die damalige Regierung von den Geschehnissen wusste, unternahm sie mit Rücksicht auf ihren Kriegsverbündeten, das Osmanische Reich, nichts. Der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg hatte öffentlich vor dem Reichstag gesagt: "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber die Armenier zu Grunde gehen oder nicht". Diese Aussage zitierte Marx in seiner Predigt: "Müssen uns diese Worte und die deutsche Politik in der Nachtstunde des armenischen Volkes nicht mit tiefer Scham erfüllen?", fragte er, um sich dann selbst die Antwort zu geben: "Man hört in unserem Land wenig davon." Umso deutlicher formulierte er seine eigene Interpretation: "Bewusst und nur an den eigenen politischen Interessen orientiert, ignorierte man das unfassbare Grauen".
Auch dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, war dieser Aspekt in seinem Worten zum Beginn des Gottesdienstes wichtig. "Nur wenn wir diese eigene Mitschuld deutlich und klar aussprechen und anerkennen, können wir auch andere dazu ermutigen, sich aufrichtig und objektiv mit dem Verbrechen des Genozid auseinanderzusetzen", erklärte er. Zudem ging er auf den Aspekt der Ökumene ein: Die christlichen Kirchen, zu denen auch die armenische Kirche gehört, wollten die Last der Trauer gemeinsam tragen. Schon der Apostel Paulus habe gesagt: "Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder" (1 Korr 12,26). Diese Aussage erfuhr in dem Gottesdienst ein schönes Symbol: Die Gebete und Psalmen wurden in den Muttersprachen der Kirchen gesprochen – von Aramäisch bis Griechisch.
Von Gabriele Höfling
24.04.2015, 20.30 Uhr: ergänzt um Statement von Bundespräsident Joachim Gauck
24.04.2015, 20.45 Uhr: Archivbild ersetzt durch aktuelles Foto