Matratzen am Altar
Der Grund für das Medieninteresse findet sich im Inneren des backsteinernen Gotteshauses. Die Holzstühle wurden an die Seite geräumt. Stattdessen zieren Matratzen und lila-rot-weiß-karierten Decken den Kirchenboden. Schlafplätze für die afrikanischen Flüchtlinge, die seit einigen Wochen in Hamburg gestrandet sind und die immer noch zum großen Teil auf der Straße leben.
An diesem Morgen liegen 80 der rund 300 Betroffenen auf den provisorischen Betten in der Kirche. Alles Männer, so wie John aus Ghana. Seinen Nachnamen möchte der 42-Jährige nicht preisgeben. Zu groß ist die Angst, dass ihn die Behörden ausweisen könnten. "Die meisten unserer Frauen sind in Afrika geblieben", sagt John.
"Die Kirche ist kein rechtsfreier Raum"
Um den Flüchtlingen zu helfen, hat Pastor Wilm vam vergangenen Wochenende die St.-Pauli-Kirche zur dauerhaften Notunterkunft erklärt. Eigentlich wollte er sogar eine Zeltstadt um das Gotteshaus errichten. Doch der Kirchengemeinderat sprach sich gegen das Projekt aus, aus Brandschutzgründen. "Die Kirche ist kein rechtsfreier Raum, auch wir müssen uns an Vorgaben halten", sagt Wilm.
Die Flüchtlinge kommen vorwiegend aus Westafrika, aus Ghana, Mali oder der Elfenbeinküste. Sie zogen als Wanderarbeiter nach Libyen. Infolge des Bürgerkrieges seien sie nach Europa geflüchtet. Auf der italienischen Insel Lampedusa kamen sie in Flüchtlingscamps unter. Von den Italienern erhielten sie 500 Euro und ein Touristen-Visum für den Schengenraum. So gelangte ein Teil von ihnen nach Hamburg. Und wurde obdachlos.
"Wir sind keine Schmarotzer"
"Dabei möchten wir arbeiten", sagt Lassida. Der junge Mann kommt aus Mali, in Libyen war er als Verkäufer tätig. Nun lebt er von Almosen. "Wir sind keine Schmarotzer", betont der Mittzwanziger. "Doch man erlaubt uns nicht, eigenes Geld zu verdienen." Mit dem Touristenvisum finden die Männer keine Arbeit. Und damit auch kein Geld, um selbstständig zu überleben.
Bevor die Flüchtlinge das Gebäude morgens verlassen, greifen sie zu Besen und Handfegern. Binnen kurzer Zeit ist die Kirche gereinigt. Erst dann ziehen die Flüchtlinge weiter zum Bahnhofsplatz, wo seit dem 22. Mai ein Protestzelt aufgestellt ist. Mit Bannern machen die Männer dort auf ihre Situation aufmerksam.
Lampedusa in Hamburg
"Wir sind Kriegsflüchtlinge", betont Anane Kofi Mark. Der Ghanaer ist einer der Sprecher der Gruppe "Lampedusa in Hamburg", die für ein dauerhaftes Bleiberecht kämpft. Doch die Hamburger Innenbehörde stellt sich quer, verweist auf EU-Recht und möchte die Flüchtlinge nach Italien zurückschicken. Die Afrikaner und ihre Unterstützer wollen am Samstag für ihr Anliegen in der Innenstadt demonstrieren.
Bis der Streit um den Verbleib der Flüchtlinge beigelegt ist, will die St.-Pauli-Kirche ihre Türen weiterhin jede Nacht geöffnet lassen. Außerdem soll ein Sanitär-Container mit Duschen aufgestellt werden. "Damit sich unsere Gäste willkommen fühlen", sagt Pastor Wilm.
Von Simon Broll (dpa)