Moralische Untiefen umschifft
Sannes deutlich ältere, stabil im Leben stehende Schwester Heidi kann im Vergleich dazu dem Wiedersehen gelassener entgegensehen. Die Aussicht auf die nächsten Tage macht aber auch sie nervös. "Wir fahren zu keiner Feier!", schärft sie Mann und Sohn ein, bevor sie das Elternhaus erreichen. Doch das trifft nur die halbe Wahrheit.
Denn eine Feier soll das Treffen nach Esthers Wunsch durchaus sein, wenn auch keine fröhliche: Die pensionierte Lehrerin leidet an einer schweren Nervenkrankheit; eine effektive Behandlung oder gar Heilung ist ausgeschlossen. Angesichts der Aussicht, ihren Körper bald nicht mehr kontrollieren zu können, hat sie sich zum Sterben entschlossen. Doch bevor sie durch einen tödlichen Pillencocktail aus dem Leben scheiden will, will sie ihre Familie noch einmal um sich wissen, für ein letztes gemeinsames Herbstwochenende. Esthers Töchter kennen ihren Entschluss, sind damit aber noch keineswegs im Reinen – der mütterliche Plan gerät deshalb unversehens weit problematischer als beabsichtigt.
Spielfilme über das gesellschaftliche Reizthema Sterbehilfe sind längst keine Seltenheit mehr. Als skandinavische Kammerspiel-Variante sticht "Silent Heart" jedoch merklich aus der Masse heraus. Auf die mehr oder weniger explizite Propagierung von Sterbehilfe als "Menschenrecht" bei gleichzeitiger Denunzierung von Gegenpositionen, wie zuletzt etwa im deutschen Film "Hin und weg" oder in der israelischen Komödie "Am Ende ein Fest", verzichten Regisseur Bille August und Drehbuchautor Christian Torpe bewusst.
Das Recht der labilen Sanne wird negiert
Monatelange Diskussionen innerhalb der Familie sollen dem Wochenende vorangegangen sein, an dem der Film spielt, und die Figuren haben dabei angeblich alle Argumente durchgespielt. Angesichts von Esthers festem Entschluss und der uneingeschränkten Unterstützung durch ihren Mann Poul geht es nun nur noch um rein emotionale Überzeugungsarbeit: Keine moralische Grenze ist mehr zu überwinden, wohl aber die verwirrte Gefühlswelt der Angehörigen, die mit dem Sterbewunsch der Mutter kollidiert. Das Familientreffen erscheint daher auch nicht allein als Abschiedsinszenierung. Esther und ihr Mann Poul stellen ihre Töchter vielmehr vor eine kategorische Wahl: Entweder Akzeptanz des Freitods, aktive Hilfe und Absolution, oder aber Bruch mit der Familie.
Dass insbesondere das Recht der labilen Sanne auf ihre Empfindungen dabei gleichsam negiert wird, lässt die Argumentationslinie des Films bald fragwürdig erscheinen. Sannes innerer Widerstand gegen eine auf diese Weise durchgeführte Trennung von ihrer Mutter wird durchgehend als "Schwäche" dargestellt, die es zu überwinden gelte, was Esthers Vorgehen in die Nähe eines Akts von Gefühlsterror bringt. Mit "Würde" und "Liebe", den Lieblingsbegriffen der sentimentalisierten Sterbehilfe-Apologie, hat ihre unerschütterliche Haltung jedenfalls nichts zu tun. Das schadet der beabsichtigten Wirkung des Films ebenso wie die schematische Zeichnung der Figuren, die das Ensemble aus hochkarätigen dänischen Schauspielern nur bedingt auffangen kann.
Während Danica Curcic zumindest den moralischen Zwiespalt von Sanne überzeugend ausspielen darf, fällt die Funktionalität der anderen unangenehm auf. Am stärksten trifft das auf Sannes Freund Dennis zu, der anfangs als proletarischer, Drogen nicht abgeneigter Fremdkörper in der bürgerlich-anständigen Familie erscheint. Dass er Verständnis für Esthers Entscheidung hat, lässt ihn jedoch zum vollwertigen Mitglied aufsteigen, mit dem dann auch alle gern einen Joint teilen. Als Figur hat er freilich in diesem Moment seinen Zweck erfüllt und spielt für den Rest des Films keine Rolle mehr.
Auch wenn sich die dramaturgische Überzeugungskraft des Plots in Grenzen hält, hat "Silent Heart" immerhin einige gelungene Momente zu bieten: Das Durchblättern alter Fotoalben, ein letzter Familien-Spaziergang zum See, ein auf dieses Wochenende vorgezogenes Weihnachtsessen. Diese Szenen, die von Bille Augusts Routine profitieren, vermögen zusammen mit Annette Focks’ zurückhaltend eingesetzter Musik tatsächlich zu berühren – allerdings nur, solange man das Gesehene nicht hinterfragt. Denn um seine papierene Argumentation zu überwinden, fehlt dem Film schlicht das Herz.
Eine ältere Frau will angesichts einer unheilbaren Krankheit ihr Leben beenden und zuvor noch ein letztes Wochenende im Kreis ihrer Familie verbringen. Die Angehörigen wissen von ihrem Entschluss und bemühen sich um Harmonie, doch angesichts des nahen Todes der Mutter regt sich bei ihren beiden Töchtern Widerstand. Auf drei Tage und wenige Figuren reduziertes Kammerspiel als sentimentales Familiendrama. Hochkarätige Darsteller können nicht überdecken, dass es den Charakteren an Schattierungen und dem Plot an der Bereitschaft fehlt, sich auf die moralischen Untiefen des umstrittenen "Sterbehilfe"-Themas einzulassen. - Ab 14.
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