Moraltheologin: These des Kinderverzichts für das Klima greift zu kurz
Aus Sicht der Moraltheologin Elisabeth Zschiedrich greift die Haltung, aus Gründen des Kilmaschutzes auf Kinder zu verzichten, zu kurz. "Der Möglichkeitsraum für all das, was ein Mensch in die Welt einbringen kann, ist so groß, dass zum Zeitpunkt seiner Zeugung kaum Aussagen darüber getroffen werden können, was dies im Einzelnen sein wird", schreibt Zschiedrich in einem Beitrag für das theologische Feuilleton "feinschwarz.net" (Mittwoch). Wer sich zur Elternschaft entscheide, tue dies aus den unterschiedlichsten Gründen. "Die 'Keine-Kinder-fürs-Klima'-These erweckt dagegen den Eindruck, als könne die für viele Menschen existenzielle, identitätsbildende Entscheidung für oder gegen Elternschaft anhand einfacher und klarer Kriterien getroffen werde", so Zschiedrich, die als Doktorassistentin am Departement für Moraltheologie und Ethik der Universität Fribourg arbeitet.
Die Haltung, dass man zugunsten des Klima- und Umweltschutzes auf Kinder verzichten soll, wird seit einigen Jahren intensiv diskutiert. Das Thema kam in Deutschland besonders durch das 2019 erschienene Buch "Kinderfrei statt kinderlos" der Regensburger Lehrerin Verena Brunschweiger in die Öffentlichkeit. Darin vertritt den sie unter anderem die These, dass Kinderlosigkeit der umweltethisch beste Lebensentwurf sei.
Durch Ideen neuer Menschen vielleicht bessere Lösungen
Die Argumentationsgrundlage der These sei jedoch nicht eindeutig, schreibt Zschiedrich weiter. So werde etwa die Richtigkeit der Berechnungen, die den Verzicht auf ein Kind in gut 58 Tonnen jährlich eingespartem CO2 bemessen, von einigen Fachleuten bezweifelt. "Auch könnten unsere globalen Probleme eines Tages gerade dank der Ideen neuer Menschen vielleicht besser gelöst werden, als wir das heute sehen." Schließlich stelle sich die Frage, wessen Zukunft mit dem Verzicht auf Nachwuchs überhaupt gerettet werden solle. "Kinder – ja oder nein?, das lässt sich mit einem Verweis auf das Klima also ebenso wenig abschließend beantworten wie mit jedem anderen (scheinbar) rationalen Argument", so Zschiedrich.
Die Frage, ob man Kinder kriegen solle oder nicht, betreffe "den Kern der menschenrechtlich verankerten reproduktiven Autonomie" und müsse daher eine frei zu gebende Antwort bleiben. In Brunschweigers Buch wirke die These des aus Klimagründen gebotenen Nachwuchsverzichts "wie eine hinzugefügte sozial kompatible Rechtfertigung ihres Lebensentwurfs, zu der sie sich als Frau ohne Kinder auch in Zeiten reproduktiver Autonomie genötigt sieht". Dass gerade kinderlose Frauen in der Gesellschaft immer noch unter Rechtfertigungsdruck stünden, sei "traurig und beschämend und zeigt, wie gerade Frauen in unserer Gesellschaft nach wie vor auf bestimmte Rollen festgelegt werden". Angesichts dessen allerdings zum Gegenangriff überzugehen und insbesondere Mütter als Klimasünderinnen zu brandmarken, sei wenig hilfreich. Stattdessen sollten Eltern und Kinderlose solidarisch miteinander umgehen. "Menschen ohne Kinder sollten Familien unterstützen, weil diese in einer Weise zum Gemeinwohl beitragen, wie sie selbst es nicht tun (können). Menschen, die Kinder bekommen, sollten ihre Kinder für ein klimabewusstes Verhalten sensibilisieren und auch selbst nachhaltig handeln, in dem Wissen, dass Menschen das Klima prinzipiell gefährden", betont Zschiedrich. (mal)