Mut zur Wiederholung
"Mut zur Wiederholung!" Diesen Imperativ hörte ich oft an meiner ersten Stelle als Kaplan vom dortigen Pfarrer. Er war fest davon überzeugt, dass Wiederholungen bei der Predigt der Hörerschaft gar nicht unangenehm auffielen, sondern geradezu notwendig seien. "Hämmern! Hämmern! Hämmern! Bis der Nagel sitzt."
Mein Pfarrer wusste kaum, dass sich dieses Wort – freilich ohne die doppelte Wiederholung – in einem Brief findet, den Karl Liebknecht (1871-1919), der in Teilen Deutschlands hochverehrte, 1919 ermordete Theoretiker der KPD nach seiner Verhaftung 1916 aus dem Zuchthaus an seine Frau schrieb: "… Hämmern. Bis der Nagel sitzt. Pochen – bis Schlafende aufwachen. Peitschen – bis Träge und Feige aufstehen und handeln." So heißt es dort. Die Regel wird bis heute beherzigt.
Die Zeitung von gestern ist für mich nicht der Gipfel der Langweiligkeit. Manches, was mich interessiert, schneide ich aus. Was mir auffällt, wenn ich Artikel von gestern oder vergangener Woche neben Artikel von heute lege, ist oftmals deren erstaunliche Redundanz. Die neue, bisweilen geradezu belanglos wirkende Information ist das willkommene Vehikel für die Wiederholung dessen, was bereits ausführlich berichtet wurde und damit bekannt sein sollte.
Doch nicht nur das zeigt der Vergleich. Er offenbart vielmehr, dass die Wiederholung des eigentlich als bekannt Vorauszusetzenden nicht umfassend erfolgt, sondern ausgewählt. Diese Auswahl kann von Zeitung zu Zeitung sehr unterschiedlich sein. Sie scheint davon abzuhängen, welches Ziel man im Auge hat. Nicht Information erscheint als das eigentlich Wichtige, sondern das, was beim Leser, was in der Öffentlichkeit hängen bleiben soll. Deshalb: "Hämmern. Bis der Nagel sitzt".
Ob zuvor die schon zu Sokrates' Zeiten in Vergessenheit geratenen drei Siebe gebraucht werden, welche vor der Weitergabe jeder Nachricht anzuwenden seien: Ist es wahr? Ist es gut? Ist es notwendig?, das steht dahin.
Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.