Nächstenliebe ist kein Instrument zur Imagepflege
"Wenn nichts fehlt, wenn Gott fehlt" – den Anstoß für den heutigen "Standpunkt" fand ich im Titel dieses 2024 erschienenen Buches des deutschen Theologen Jan Loffeld. Die Studie beschreibt eine nüchterne Realität: Menschen, denen Gott nicht fehlt. Die ihr Leben als sinnvoll erfahren, die aber ohne Religion und Glaubenspraxis im kirchlichen Sinne auskommen – und dabei keineswegs den Eindruck erwecken, als würde ihnen etwas fehlen. Das ist ernüchternd – vor allem für eine Kirche, die davon ausgeht, dass die Frage nach Gott für Menschen eine zentrale Bedeutung hat.
Zeitgleich begegnete mir eine Umfrage, mit der ein kirchlicher Träger sein Angebot evaluieren und das katholische Profil schärfen möchte, und ich stolperte über die Frage, "Hat dieses Angebot Ihre Meinung zur katholischen Kirche positiv geprägt?" – "Kirchliches Greenwashing", war mein erster Gedanke. Es ist legitim zu fragen, wie das eigene Angebot wahrgenommen wird. Aber woran bemisst sich eigentlich der Erfolg kirchlicher Arbeit? Daran, ob Menschen anschließend ein positiveres Bild von Kirche haben oder zum Glauben finden?
Natürlich ist es erfreulich, wenn Menschen durch kirchliche Einrichtungen und die Begegnung mit Christen einen (neuen oder tieferen) Zugang zum Glauben finden. Aber was, wenn das nicht passiert? Wenn jemand in einer Caritas-Beratungsstelle Unterstützung findet, bei einer Ferienfreizeit Gemeinschaft erfährt oder im seelsorglichen Gespräch ernst genommen wird – ohne deshalb der Kirche dauerhaft näherzukommen?
Vielleicht besteht eine wichtige Herausforderung für die Kirche als Institution aber auch für die in Gemeinden engagierten Gläubigen darin, Menschen ernst zu nehmen, ohne sie vereinnahmen zu wollen. Ihnen zu begegnen, ohne sie zum Mittel oder Garant für die eigene Zukunft zu machen. Und ihnen zuzugestehen, dass ein sinnerfülltes Leben auch ohne den Glauben an Gott möglich sein kann. Denn Menschen sind keine Erfolgsbilanz – und Nächstenliebe kein Instrument zur Imagepflege.
Ricarda Menne ist Lehrerin für Englisch, Geschichte und katholische Religion.
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.