Nahtoderfahrungen – Plötzlich zählt nur noch die Liebe
Sie reden mit Verstorbenen, können Gedanken des Pflegepersonals bei der Not-OP vernehmen oder finden sich in einer unsagbar liebevollen Umgebung wieder – Menschen mit einer Nahtoderfahrung berichten Unglaubliches nach ihrer Rückkehr ins Leben. Doch solche Erlebnisse werden in ihrem Umfeld oft mit Argwohn aufgenommen.
"Menschen mit Nahtoderfahrungen machen oft enttäuschende Erfahrungen", beobachtet Joachim Nicolay vom Netzwerk Nahtoderfahrung. Häufig würden diese auch bei Seelsorgern, Ärzten oder Psychologen als Halluzinationen abgetan, sagt der Diplomtheologe. "Das wertvolle Potenzial der Erfahrungen wird nicht gesehen." In dem Netzwerk tauschen sich Betroffene aus und fühlen sich dort verstanden.
"Bewusstseinseruption"
Denn Nahtoderlebnisse passen nicht in das gängige, naturwissenschaftlich geprägte Weltbild. Das besagt, dass der Tod das Ende ist und dass das Gehirn das Bewusstsein erzeugt. Dennoch treffen Ärzte immer wieder auf Patientinnen und Patienten, die – etwa nach einem längeren Herzstillstand und festgestelltem Hirntod – solche Dinge berichten. Der niederländische Kardiologe und Nahtodforscher Pim van Lommel schätzt, dass allein hierzulande bereits mehr als drei Millionen Menschen eine Nahtoderfahrung hatten.
Der Mediziner Wolfgang Knüll spricht von einer "Bewusstseinseruption hinein ins Unvorstellbare". Dieser ist demnach verbunden mit einer "auf das Klarste und Schärfste erweiterten Wahrnehmung jenseits aller physikalischen Gesetze von Optik und Akustik", wie Knüll in seinem Buch "Nahtoderfahrungen" schreibt.
Mit den gängigen Methoden der Naturwissenschaft, die unter anderem zwingend auf Wiederholbarkeit setzt, lassen sich solche Phänomene nicht erfassen. Ebenso wenig aber lässt sich für Knüll die Existenz von Bewusstsein mit dieser Herangehensweise beschreiben. "Wir haben überhaupt keine Ahnung, was Bewusstsein überhaupt ist und wo es lokalisiert sein soll." Möglicherweise könnte es eine eigene physikalische Größe – unabhängig vom Gehirn – sein.
Denn wie sonst kann es sein, dass etwa Menschen mit Hirntod – also erwiesenermaßen fehlender Hirnfunktion – dennoch Dinge außergewöhnlich klar wahrnehmen? Oder dass transplantierte Menschen mitunter Persönlichkeitsanteile ihres Organspenders übernehmen, etwa die Abneigung, Fleisch zu essen? Bislang herrscht laut Knüll die Vorstellung, dass bei einer Transplantation nur Herz, Niere oder Lunge übertragen werden "und sonst nichts".
Experimentelle Quantenphysik
Ein möglicher Erklärungsansatz für all diese Merkwürdigkeiten sind für Knüll Erkenntnisse der experimentellen Quantenphysik. Diese stellt seit etwa 100 Jahren die gängige Vorstellung von Realität auf den Kopf – allerdings beobachten das nur Experten. Denn weil in der Welt keine sichtbaren Quantenphänomene außerhalb von Raum und Zeit auftreten, tangiert Quantenphysik schlicht den Alltag der Menschen nicht.
Und sie widerstrebt dem eigenen Empfinden, denn in der Quantenphysik ist Materie eine Illusion. Knüll verweist auf quantenbiologische Experimente, wonach nur 0,000000001 Prozent des menschlichen Körpers der sichtbaren Materie angehören – 99,999999999 bestehen demnach aus scheinbarem Vakuum. "Da keine Möglichkeit besteht, das mithilfe unserer Augen und optischer Geräte aufzulösen, merken wir davon nichts. Unsere Realität scheint fest und greifbar."
"Wir haben überhaupt keine Ahnung, was Bewusstsein überhaupt ist und wo es lokalisiert sein soll."
Wolfgang Knüll, Mediziner
"Die Frage, was Materie ist, wird immer geheimnisvoller und rätselhafter", sagt auch Nicolay. Die Quantenphysik führe "in abstrakte Bereiche, in denen sich eine sehr geheimnisvolle Wirklichkeit auftut".
"Nicht messbare Verbindung"
In der Quantenwelt stünden zudem Photonen trotz einer riesigen Distanz in einer "geheimen, nicht messbaren Verbindung", schreibt Knüll. Schon Albert Einstein habe sie als "spukhafte Fernwirkung" beschrieben. Nahtoderfahrungen könnten in diesem Bereich ohne Raum und Zeit stattfinden. Diese wirken zwar "nicht von dieser Welt", dennoch seien sie "anscheinend immer mit ihr verbunden".
Physiker wie Wolfgang Pauli sahen das Universum durchzogen von ganzheitlichen Beziehungen zwischen Innen- und Außenwelt; sein Kollege Hans Peter Dürr verstand "das Einzelne als Teil eines großen, geistigen Ganzen". Knüll kommt zu dem Schluss, dass durch Nahtoderfahrungen auf dieses endlose Bewusstsein jenseits von Zeit und Raum "ein flüchtiger und dennoch scharfer Blick" möglich sein könnte.
Die Eindrücke, die dabei gewonnen werden, sind überwältigend, unvorstellbar, andersartig und schlicht nicht in Worte zu fassen. Eine Nahtoderfahrung stellt für den Mediziner "eine tiefe seelische Erschütterung" dar. Das erklärt auch, warum Menschen wie der biblische Paulus ihr Leben danach radikal änderten. Diese gravierende Erfahrung verwandelt Menschen; 70 Prozent lassen sich danach sogar scheiden, weil der Partner die Veränderung nicht nachvollziehen kann.
Nahtoderlebnisse bewirken laut Nicolay auch "ein spirituelles Erwachen". Unter anderem werde nach seiner Beobachtung der Glaube an Gott oder eine höhere Macht gestärkt, die spirituelle Praxis werde vertieft und das Leben nach dem Ideal der Nächstenliebe ausgerichtet. "Die Menschen werden mitfühlender, hilfsbereiter und toleranter."
Menschen, die lange mit der Vorstellung vom "lieben Gott" haderten, finden zum Glauben zurück. Bei anderen vertiefe sich die Gottesbeziehung, beobachtet der Theologe. "Sie sagen mir: 'Ich glaube nicht mehr an Gott - ich weiß jetzt, dass es ihn gibt!' - das kann man nicht wegdiskutieren."
Bewussteres Leben
Auch Knüll weiß, dass Menschen nach Nahtoderfahrungen viel bewusster leben und für sie Besitz, Geld, Erfolg und Ansehen keine Rolle mehr spielt. Viel wichtiger seien ihnen nun Mitmenschlichkeit sowie ein freundliches und liebevolles Miteinander. "Alles, was wir tun, sollte also vor der Liebe Bestand haben."
Zu Ende gedacht, bedeutet das für Knüll, sich von Gewalt, Neid, Wut, Zorn, zerstörerischem Hass, Missgunst, Vorteilsdenken und von kleinlichem Egoismus zu verabschieden. "Wenn Vorher, Jetzt, Nachher zusammenhingen, wenn jeder unserer Gedanken, jede Tat zählt, dann erschienen Kriege und Ausbeutung der Erde noch absurder, denn wir kämpften ja immer nur gegen uns selbst. Bedingungslose Liebe als Essenz ließen jede Form von Gewalt ebenfalls absurd erscheinen."