Nur noch kurz die Welt retten?
Wenn das nicht gut klingt: Wer nach mehr sucht als nach bloßem "Chillen am Strand", dem bieten einige Reiseanbieter an, sich in Freiwilligenprojekten zu engagieren. Das Versprechen: Die Welt entdecken und dabei "nachhaltig bessere Lebensumstände schaffen" – und das in nur wenigen Wochen. Das Angebot ist groß: Bei STA-Travel etwa kostet Englisch unterrichten in Laos für 15 Tage gut 1.300 Euro, Indien kann man für 1.570 Euro in 29 Tagen erleben und dort auf unterschiedliche Weise helfen. Die Kosten für den Flug kommen allerdings noch dazu.
Moderne Kolonisation?
Voluntourismus heißt dieser Trend. Die Idee ist einfach: Schließlich hat nicht jeder Zeit, gleich ein ganzes Jahr ins Ausland zu gehen — da liegt es doch nahe, das mit einem Urlaub zu verbinden. Doch Experten sind skeptisch: "Mit der Einstellung 'Ich helfe mal schnell' für wenige Wochen ins Ausland zugehen, funktioniert nicht", sagt Stefanie Hoppe, Referentin für Freiwilligendienste beim Hilfswerk Adveniat. Ihr Kollege Wolfgang Kirchner verurteilt Voluntourismus als "eine Form von moderner Kolonisation", wie er im aktuellen Jahresbericht der Don Bosco Mission schreibt.
Doch das Konzept kommt gut an. Nach Angaben der Don Bosco Mission sind allein im Jahr 2013 rund 20.000 Menschen als Voluntouristen aus Deutschland ins Ausland gegangen. Wer sich etwa für das STA-Sprachprojekt in Laos entscheidet, unterstützt laut Katalog die einheimischen Lehrer bis zu sechs Stunden am Tag beim Englisch-Unterricht. Die Freiwilligen sollen auf die Aussprache der Schulkinder achten oder ihnen Geschichten erzählen. Am ersten Tag gibt es eine Einführung, am Wochenende haben die Nachwuchslehrer Freizeit. "Unterricht mit Spaß und Spiel, Leben in einer Weltkulturerbe-Stadt, Kinder in Englisch unterrichten", so werden die Highlights der Reise zusammengefasst.
Ausführlich wird in dem Katalog zudem geschildert, dass sich das Unternehmen um "nachhaltiges Reisen bemüht". Ziel ist es, sowohl den Wünschen der Reisenden als auch den Bedürfnissen der Bevölkerung Rechnung zu tragen. Dazu gehört unter anderem ein Verhaltenskodex. Von den Freiwilligen wird demnach erwartet, dass sie andere Kulturen respektieren, Unterschiede verstehen lernen und sich auf einen Austausch mit der Bevölkerung einlassen.
Das sind keine Experten
Woher kommt also die Skepsis der Experten von Adveniat und der Don Bosco-Mission? Unter anderem geht es um den Faktor Zeit. "Als Helfer ins Ausland zu gehen bringt nur etwas, wenn man sich wirklich mit ganzem Herzen und ganzer Person langfristig einer Situation aussetzt", sagt Stefanie Hoppe. Auch die Freiwilligen in den Projekten des Hilfswerks berichteten ihr häufig, dass es einige Wochen dauere, um anzukommen und wirklich aktiv mithelfen zu können.
Mit der Einstellung 'Ich helfe mal schnell' für wenige Wochen ins Ausland zu gehen, funktioniert nicht.
Stefanie Hoppe, Adveniat
Längerfristiges Engagement sei auch im Interesse der Einrichtungen vor Ort. Diese freuten sich zwar sehr über die Hilfe aus dem Ausland, so Hoppe. "Aber sie wissen auch ganz genau, dass es keine Experten sind, die da kommen. Keine Pädagogen, Musiker, Schreiner, sondern junge Menschen, die angelernt werden müssen. Und das braucht seine Zeit." Ein verlängerter Urlaub als Voluntourist könne das nicht leisten: "Man kann vielleicht Schildkröten und Eidechsen in ein paar Wochen retten, aber wenn es um Menschen in schwierigen Situationen geht, auf Sozialstationen, in Kindergärten oder Jugendprojekten, halte ich einen solchen Einsatz nicht für sinnvoll."
Diese Gefahr sieht auch Wolfgang Kirchner: Blieben die Freiwilligen nur kurz, könne es passieren, dass sie "helfen wollen, aber manchmal mehr Schaden anrichten, als Gutes zu tun". Nach seiner Erfahrung wird bei Voluntourismus-Projekten oft nicht ausreichend geprüft, ob die Jugendlichen für die Arbeit überhaupt geeignet sind, auch eine intensive Betreuung finde nicht statt. Eine Reflexion der eigenen Arbeit sei aber wichtig, betont Kirchner im Don Bosco-Jahresbericht. Die Freiwilligen machten schließlich nicht nur positive Erfahrungen, sondern erlebten Höhen und Tiefen. "Deshalb ist auch die Vorbereitung in Seminaren so wichtig."
Stefanie Hoppe betont, dass der Freiwilligendienst auch ein Lerndienst für die jungen Leute selbst sei. Die Zeit im Ausland solle ihnen helfen, über den Tellerrand hinauszuschauen und neue Perspektiven für sich zu entwickeln. Wer nach zwei, drei Wochen glaube, er wisse genau über ein bestimmtes Land Bescheid, der trage möglicherweise eher zur Verfestigung von Vorurteilen als zum interkulturellen Austausch bei.
Die Reisen mit STA-Travel dauern nach eigenen Angaben eine Woche bis zu sechs Monaten – je länger, je kostenintensiver. Die Preise im Katalog sind meist für eine zwei- bis dreiwöchige Dauer angegeben. Dort finden sich auch Angaben, was mit dem Geld der Reisenden passiert: Unterkunft, Verpflegung und Personal vor Ort sind ein Faktor, aber auch eine Spende an das Hilfsprojekt kann Teil des Preises sein.
Geschäft mit dem schlechten Gewissen
Die Experten der Hilfswerke sehen im Voluntourismus jedoch vor allem Geldmacherei: Während längerfristige Freiwilligendienste meist über das Programm "weltwärts" des Entwicklungsministeriums organisiert und zum großen Teil auch finanziert seien, verdienten im Voluntourismus die Veranstalter viel Geld: "Das ist ein Geschäft", ist sich Hoppe sicher.
Überraschend ist der Trend für sie aber nicht. Sie beobachtet bei der heranwachsenden Generation ein starkes Bedürfnis, etwas Gutes zu tun. "Die jungen Leute sind aufgeklärt, wissen um Globalisierung und die Nachhaltigkeitsproblematik, um den exzessiven Lebensstil, den wir führen. Und sie haben eine Sehnsucht nach Authentizität." Genau diese Sehnsucht bediene der Voluntourismus. "Ich kann reisen und auch ein bisschen was Gutes tun. Wenn man so will, befriedigt das vielleicht auch ein Stück weit unser kollektives schlechtes Gewissen." Es entspreche dem Zeitgeist, sich eher punktuell zu engagieren. In diesem Sinne könne der Voluntourismus vielleicht doch etwas Positives haben, meint Wolfgang Kirchner: Nämlich immer dann, wenn er als Inspiration für einen längeren Auslandsaufenthalt diene.
Linktipp: Freiwilligendienst Frei.Willig.Weg
Wer sich im Ausland engagieren will, dem raten Don Bosco Mission und Adveniat zu einem längeren Aufenthalt, den beide Institutionen anbieten. Nähere Infos zu Don Bosco gibt es bei www.donboscovolunteers.de.
Über die Freiwilligendienste, die Adveniat in Zusammenarbeit mit der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) anbietet, kann man sich derzeit auch auf YouTube informieren. Im Kanal "frei.willig.weg" begleitet der Youtuber Manniac zwei Freiwillige in ihren Projekten in Paraguay und Kamerun, erzählt von ihren Hoffnungen und ihrer Motivation. "frei.willig.weg" ist ein Projekt von funk, dem Jugend-Angebot von ARD und ZDF.
Jeden Samstag gegen 16 Uhr gibt es ein neues Video auf dem "frei.willig.weg"-YouTube-Kanal. Alle Folgen im Überblick sind auch auf www.funk.net abrufbar. (gho/lek)