Obskures Online-Orakel
Wie viele Autos nutzen Sie? Gehen Sie langsam oder schnell? Wie viele Personen leben in Ihrem Haushalt? Achtung, drei Mal die "falsche" Antwort, obendrein Raucher, frisch geschieden und noch ein paar Schnitzer - schon haben Sie es quasi amtlich auf dem Display: Die nächsten fünf Jahre werden Sie nicht überleben. Ihr Risiko, vorher zu sterben, liegt bei über 90 Prozent. "Ubble" hat sein digitales Todesurteil recht kräftig verkündet, Widerspruch nicht zulässig. Ich finde den neuen Online-Rechner, der in diesen Tagen millionenfach aufgerufen wird, unseriös und gefährlich.
Klar, ein bisschen in die Zukunft klicken - das hat seinen Reiz. Und natürlich sind Warnungen vor zu wenig Bewegung und zu viel Nikotin sinnvoll. Aber die Online-Aktion gaukelt nicht nur Unfehlbarkeit vor und umgibt sich mit wissenschaftlichem Touch. Der Befund zum Thema Tod kommt systemgesteuert-anonym. Selbst im schlechtesten Krankenhaus wird niemand mit der Diagnose "noch maximal fünf Jahre" alleingelassen - in der Web-Praxis schon. Das birgt Risiken und Nebenwirkungen ohne Ende.
Männer müssen 13 Fragen beantworten, bei Frauen reichen "Ubble" bereits elf. Den Todes-Check haben schwedische Ärzte erfunden. Vollmundig behaupten sie, das Resultat sei exakter als medizinische Untersuchungen, Gen- oder Bluttests. Es basiert auf den Daten einer halben Million Menschen, kombiniert mit einer Dosis Wahrscheinlichkeitsrechnung. Das führt zu Annahmen nach dem Motto "Wer lahmer geht, ist früher tot". Oder: Wer mehrere Autos hat, ist vermutlich reich. Und wer mit anderen zusammenlebt, ist weniger allein und damit gut umsorgt - lebt also länger. So klingt undifferenzierte Hobbypsychologie.
Deshalb wächst die Kritik. Manche Mediziner warnen, "Ubble" verstärke unbegründete Ängste vor Krankheiten oder löse sie sogar aus. Auch ohne den Fragebogen kann man alt werden wie Methusalem. Oder wie Helmut Schmidt. Der hat das Online-Orakel wahrscheinlich nie befragt. Gut so. Vor Schreck hätte dem Kettenraucher einiges passieren können.
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