"Outet euch als Christen"
Frage: Herr Bischof Hanke, Sie haben zum Abschluss der Willibaldswoche dagegen angepredigt, den christlichen Glauben auf die Privatsphäre oder den engen Kirchenraum einzugrenzen. Was meinten Sie damit?
Hanke: Die christliche Botschaft ist für die Gestaltung der Öffentlichkeit bestimmt, nicht nur für die des privaten Lebens. Nach dem Evangelium sollen wir 'Licht' und die 'Stadt auf dem Berg' sein. Also ist jeder, der Jesus nachfolgt, gehalten, sich in die Gesellschaft und das öffentliche Leben einzubringen. Denn die christliche Existenz steht nicht für sich selbst, sondern ist auch eine dienende Existenz für die andern, für das Gemeinwohl.
Frage: Wo genau müssten sich Christen mehr bemerkbar machen?
Hanke: Sie sollten sich im Bekennen ihres Glaubens bemerkbar machen. Man entdeckt an öffentlichen Plätzen und Orten viel zu wenig, wo die Christen sind. Es beginnt dabei, sich am Arbeitsplatz und im Freundeskreis zu outen, ein praktizierender Christ zu sein. Weiter geht es mit kleinen Zeichen: Warum sollte ich in der Gaststätte vor dem Essen nicht den guten Brauch des Tischgebetes praktizieren? Und wir sind auch gehalten, uns mit unseren Werten und Überzeugungen in den öffentlichen Diskurs einzubringen. Das Christentum hat jahrhundertelang kulturprägend gewirkt und eine Plattform geschaffen, auf der unsere heutige Gesellschaft immer noch steht, also haben wir aus der Geschichte heraus allen Grund, an der Zukunft mitzuarbeiten.
Frage: Sie kritisierten in Ihrer Predigt Forderungen, alle Religionen gleich zu behandeln, da dann positive Früchte der christlichen Tradition geleugnet würden.
Hanke: Ja, in einigen Köpfen von Politikern spukt die Idee einer Gleichbehandlung aller Religionen. Das klingt zunächst überzeugend, entspricht aber nicht der Realität. Denn gerade der christliche Weg hat eine andere gemeinwohlstiftende Kraft als andere Religionen, die natürlich auch ihren Platz haben müssen und sollen. Aber ich wende mich gegen diesen Gleichheitsansatz, der letztlich dazu dient, die christliche Prägung aus unserer Gesellschaft zurückzudrängen.
Frage: Von welcher Seite genau sehen Sie solche Forderungen aufkommen?
Hanke: Das sind einzelne Politiker und politische Strömungen in einzelnen Parteien. Bei den Grünen ist das zum Teil auffindbar, aber es gibt auch Ansätze bei FDP-Politikern, wie etwa bei Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und beim derzeitigen Vorsitzenden Christian Lindner. Da läuft das schon in diese Richtung.
Frage: Wie sehen Sie das derzeitige Staat-Kirche-Verhältnis? Gibt es etwas auszusetzen am Status Quo?
Hanke: Das Staat-Kirche-Verhältnis ist nach wie vor von einer großen Gemeinsamkeit geprägt, wenngleich hier und dort Verunsicherungen größer werden. Zum Beispiel im Bereich der Kirchensteuer, wo wir immer wieder auch kritische Anmerkungen von Seiten der Politik finden. Das kann man nicht generalisieren, aber ich habe den Eindruck, dass es auf beiden Seiten zu Verunsicherungen kommt.
Von unserer Seite fragen sich beide Kirchen immer wieder, welchen Stellenwert wir in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben überhaupt noch einnehmen. Es gibt auch starke Tendenzen, das Christliche zurückzudrängen; ich nenne stellvertretend die Diskussion um das Kreuz in öffentlichen Räumen und in der Schule. Das sind Anzeichen, die eine gegenseitige Verunsicherung anzeigen und die Zukunft des Miteinanders manchmal als etwas offen erscheinen lassen.
Frage: Was bedeutet es dann konkret für die anderen Religionsgemeinschaften in Deutschland, wenn Sie sagen, dass sie von Seiten des Staates anders behandelt werden müssten?
Hanke: Nein, so herum habe ich es nicht formuliert, sondern ich sage, dass der Staat vielfach eine Gleichbehandlung will. Sprich: Unter der Vorgabe des Gleichheitsprinzips hängt man die Kreuze ab und sagt, sonst müsste man auch muslimische oder buddhistische Zeichen aufhängen. Und da sage ich, dass dieses Gleichheitsprinzip so nicht stimmt. Die Prägung unserer Gesellschaft und Kultur bis hinein in das Rechtswerk der Verfassung hat doch ganz klar christliche Spuren. Also ist es ein künstlicher Ansatz, von so einer Gleichheit auszugehen.
Frage: Was halten Sie von der Idee, den Islam als Körperschaft öffentlichen Rechts anzuerkennen?
Hanke: Damit habe ich mich nicht näher befasst und bin da leidenschaftslos. Ich meine, dass jede Religionsgemeinschaft die Möglichkeiten haben soll, sich nach besten Voraussetzungen selbst organisieren zu können. Das gehört auch zu einem pluralistischen Staat dazu. Mehr kann ich dazu nicht sagen, da der Status Körperschaft des öffentlichen Rechts ein staatlicher und kein kirchlicher Wert ist.
Frage: Viele Muslime in Deutschland haben den Wunsch nach islamischem Religionsunterricht und islamischer Theologie. Wer sollte dafür verantwortlich sein?
Hanke: Das ist eine sehr schwierige Frage, weil die muslimischen Kreise unter sich darauf keine befriedigende Lösung wissen. Ein muslimischer Religionslehrer hat mir gesagt, dass verschiedene Familien ihre Kinder von seinem Unterricht abgemeldet haben, weil sie mit der Ausrichtung nicht einverstanden waren. Sicherlich hätte ein vom Staat eingeräumter und betreuter muslimischer Religionsunterricht Vorteile, aber dieses Thema können wir nicht entscheiden, da müssen die Muslime unter sich einig werden.
Frage: Kommen wir noch zu einem Thema, dass Sie fast Ihre gesamte Zeit als Bischof begleitet: Die Führungskrise bei der Katholischen Universität Eichstätt. Diese Woche wurde ein vierköpfiges Interimspräsidium eingesetzt. Bis wann rechnen Sie mit einem neuen, diesmal festen Präsidenten?
Hanke: Man kann davon ausgehen, dass innerhalb des Zeitraums von zwei Jahren die Wahlvorbereitungen für die Neuwahl durchgeführt sein werden. Das ist der Ansatz, den uns Kardinal Reinhard Marx so vorgetragen hat und ich denke, er ist realistisch.
Frage: Und dann kommt die Uni in ruhigere Fahrwässer…
Hanke: Ja, hoffen wir's.
Das Interview führte Agathe Lukassek