Parolin fordert mehr Einsatz für Konfliktprävention
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin hat einen Paradigmenwechsel in der internationalen Diplomatie gefordert. Nötig sei ein Wechsel von einer Intervention in akuten Konflikten zu deren Prävention, sagte Parolin bei einem Vortrag im italienischen Pordenone am Samstagabend. Auch sollten nicht nur die konfliktführenden Parteien im Blick stehen, sondern die Opfer; diese dürften nicht nur "eine Summe am Ende oder bei Unterbrechung des Waffeneinsatzes" sein, so der Chefdiplomat des Papstes.
Die gegenwärtige Diplomatie laufe oft nur den Entwicklungen hinterher, statt entsprechend ihrer eigentlichen Aufgabe Verwerfungen zwischen den Staaten von vornherein zu verhindern, so der 61-jährige Italiener, der zuletzt selbst Vatikan-Botschafter in Venezuela war und früher unter anderem an Verhandlungen mit Israel und Vietnam mitgewirkt hatte.
"Echter Widerspruch im Sinn des Evangeliums"
Statt auf Standardformeln zurückzugreifen, deren Wirksamkeit durch die internationale Praxis in Zweifel stehe, gelte es mit einem Wort von Papst Franziskus "kreativen Mut" zu entwickeln, so Parolin. Die Diplomatie müsse ihr Wesen als die "Kunst des Möglichen" wiederfinden.
Der Einsatz für eine friedliche Politik steht im Mittelpunkt des 50. Weltfriedenstags am 1. Januar 2017. Am Freitag hat der Vatikan das Motto von Papst Franziskus für den Gedenktag vorgestellt.
Die Bewährung diplomatischen Handelns liege heute auch mehr als früher in der Übergangsphase nach Konflikten, wenn aufgrund des Fehlens konstruktiver Ansätze neue Kämpfe um Vorrechte einzelner Gruppen drohten. In dieser "Grauzone" verhärteter Differenzen und neuer Interessen sowie einer unklaren politischen Führung müsse die Diplomatie analysierend und beratend helfen. Eine Aufgabe sei dabei Versöhnungsarbeit an der Basis, so der Kardinal.
Für den Heiligen Stuhl sei Diplomatie "nicht Neutralität, sondern echter Widerspruch im Sinn des Evangeliums", sagte Parolin. Dazu gehöre auch der "Mehrwert der Barmherzigkeit als konstruktives Element und Garant der internationalen Ordnung". Der Vatikan unterhalte seine 179 Vertretungen in Ländern jeder Kultur und Religion aus der Überzeugung, so zu Stabilität und Sicherheit beitragen zu können und dabei die Geschichte und Identität der betreffenden Nationen zu wahren.
Ende vergangener Woche hatte der Vatikan "Gewaltfreiheit - Stil einer Politik für den Frieden" als das Motto für den kommenden Weltfriedenstag (1. Januar 2017) bekanntgegeben. In seiner Botschaft bekundete auch Papst Franziskus den Willen, dass Verhandlungslösungen und der Vorrang der Diplomatie gestärkt werden sollen. Dazu gehöre auch der "Respekt vor der Kultur und der Identität der Völker" und der Verzicht auf Überlegenheitsdenken. (luk/KNA)