Pilgerfahrt im Untergrund
Ein warmer Wind mit einem Geruch von Gummi und Öl zieht durch den U-Bahn-Tunnel. Tosend fährt der gelbe U-Bahn-Zug der Berliner Verkehrsbetriebe in die U-Bahn-Station ein. Rund hundert Menschen steigen an dieser Station aus der U9, die den Wedding im Norden Berlins mit Steglitz im Süden verbindet. Eine kleine Gruppe von ihnen ist auf dem Weg zur Kirche, gleich gegenüber der U-Bahn-Station Hansaplatz. St. Ansgar ist eine Betonkirche aus dem Jahr 1957. Von außen erscheint sie nicht gerade als lohnenswertes Ziel einer Besichtigung oder gar als Etappe einer Pilgerfahrt. Ein Campanile aus Spannbeton trägt drei Glocken. An der hoch aufragenden Frontseite hat sichtlich der Zahn der Zeit genagt: Beton bröckelt an den Ecken, Stahlstäbe aus dem Inneren der Konstruktion rosten sichtbar.
Einsteigen bitte
Elisabeth Vaelske nimmt die Gruppe an der Kirchentür in Empfang. "Seit der Erbauung ist an der Kirche nichts mehr renoviert worden", sagt Frau Vaelske und präsentiert der Gruppe den Innenraum der katholischen Kirche. Das Kirchenschiff überrascht. "Am Anfang wusste ich auch nicht, ob ich damit zurecht komme", sagt Elisabeth Vaelske, die seit 40 Jahren zur Gemeinde gehört. In Parabelform hat der Architekt den Grundriss angelegt. Der Boden hat eine leichte Neigung. "Ja, das ist so gewollt", sagt Frau Vaelske. So führt der Raum den Besucher zum Altarraum hin, der sich am Ende der Neigung in Stufen erhebt. Eine beeindruckende moderne Kreuzigungsgruppe, ganz aus schwarzem Kunststein, hängt an der Wand über dem Altarraum.
Auch Rita Eifel berichtet über die Besonderheiten dieser Kirche. Dass Bundeskanzler Konrad Adenauer die drei Glocken auf dem Campanile gestiftet hat, berichtet Rita Eifel. Sie führt die Gruppe zusammen mit Norbert Skowronek. Gemeinsam haben die beiden die Idee einer christlichen Stadtführung in der Bundeshauptstadt umgesetzt. "Uns ist aufgefallen, dass es entlang der U9 besonders viele Kirchen gibt. Viele davon sind etwas Besonderes. So wie zum Beispiel das Dominikanerkloster auf der Oldenburger Straße", erzählt Norbert Skowronek. Auch die Stadtführung von Rita Eifel und Norbert Skowronek ist etwas Besonderes. An jedem Ort, den die Gruppe aufsucht, gibt es einen spirituellen Impuls. Hier in St. Ansgar kommt er von Hanns-Dieter Hüsch (1925-2005). Der Kabarettist hat Psalmen geschrieben. Sein Orgelspiel, das vom Smartphone abgespielt wird, verschmilzt mit dem Mittagsläuten der Glocken von Konrad Adenauer. Es ist Punkt zwölf.
Nächster Halt: St. Aluminium
Eine Viertelstunde später steht die Gruppe schon vor dem nächsten Gotteshaus. Ernst Krüger heißt die Gruppe willkommen und lässt die Gruppe erstmal nicht in die Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Kirche. "Sie müssen raten. Aus welchem Material sind die Türen", fragt Krüger und blickt in ratlose Gesichter. Vollkommen untypisch für einen Kirchenbau sind die mattgrauen kleinen Türen. Ein Relief mit dem Kampf des Hl. Georg gegen den Drachen ist auf den Türen zu sehen. Darüber steht "Und wenn die Welt voll Teufel wär". Eine Zeile aus Luthers Liedtext "Eine feste Burg ist unser Gott". Niemand aus der Gruppe kommt darauf, woraus die Türen sind. "Das ist Aluminium", sagt Krüger und erklärt, dass rund 30 Tonnen von dem Metall in der Kirche verbaut sind. "Das war 1956 ein ganz modernes Material. Die Leute haben die Kirche damals sogar 'St. Aluminium' genannt", berichtet Krüger. So wie auch die katholische St.-Ansgar-Kirche war der Kirchenbau ein Teil der Internationalen Bauausstellung im Jahr 1957. Das ganze Hansa-Viertel ist aus diesem Anlass entstanden. Jetzt geht es zurück zur U-Bahn-Station, zurück zur U9.
Insgesamt 146 Kilometer hat das Berliner U-Bahn-Netz. Zusammen mit S-Bahn, Straßenbahnen und Bussen bildet die U-Bahn seit ihrer Eröffnung im Jahr 1902 das Rückgrat des Berliner Nahverkehrs. Mehr als 500 Millionen Reisende befördern die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) pro Jahr mit der U-Bahn. "Wir haben überlegt, wie man eine solche Pilgerfahrt durch Berlin organisieren kann", berichtet Norbert Skowronek. Parkplätze sind Mangelware in der Hauptstadt. Das Auto kam nicht in Frage. "Zu Fuß ist eine solche Strecke an einem Tag nicht zu bewältigen", fügt er hinzu. Die Entscheidung für die U-Bahn als Pilger-Beförderungsmittel, das alltägliche Verkehrsmittel der Berliner, erscheint da nur logisch.
Thank you for travelling with Pilgerbüo Berlin
"Die U-Bahn-Tour haben wir heute zum zweiten Mal angeboten", erzählt Rita Eifel. Die Teilnehmer kommen aus Berlin und dem Umland. "Wir bieten solche Pilgertouren aber auch für Reisegruppen an, die Berlin besuchen", fügt Norbert Skowronek hinzu. Die beiden haben ein breit gefächertes Spektrum von Stadtführungen zu christlichen Themen im Programm. Kirchliche Gedenk-Orte, Christliche Spuren in der neuen Mitte, Berlins Anfänge: Die ersten Kirchen in Berlin, Christen und Juden sind nur einige der Themenführungen der beiden. "Wir richten uns damit gerade auch an christliche Reisegruppen - Chöre, Familienkreise, Jugendgruppen – die eine Reise in die Hauptstadt machen, dabei aber die Hauptstadt auch unter einem christlichen Aspekt betrachten wollen", erklärt Rita Eifel. "Wir haben Tagestouren im Angebot, organisieren aber auch mehrtägige Reisen und Unterkünfte", fügt Norbert Skowronek hinzu. Das Berlin als Pilgerziel eine Reise wert ist macht insbesondere ein Umstand deutlich: In keiner anderen Stadt in Deutschland leben mehr Christen, als in Berlin – mehr als eine Million sind evangelisch oder katholisch.
Von Markus Kremser
Weitere Informationen zu Pilgerfahrten und christlichen Stadtführungen gibt es unter auf der Webseite des Berliner Pilgerbüros. Zur Webseite