Pilgerwege sind Glaubenswege – für Glaubende wie für Zweifelnde
Wir sind tief im Herbst. Bei mir trudeln E-Mails und nicht wenige späte jedoch schöne Postkarten von Bekannten und Freunden ein. Sie sind in der Spätsommerzeit, nach den Hitzewochen, gepilgert. Ein froher Ton prägt diese Mitteilungen. Sie sind mehr oder weniger tiefgehend. Die meisten Absender, die sich auf den Weg gemacht haben, scheinen als Pilgerin oder Pilger gefunden zu haben, was sie suchten.
Das individuelle Ziel der Suche bleibt fast immer unerwähnt. Wohl zu persönlich. Zahlreiche Nachrichten kommen von Teilstrecken des Jakobswegs. Andere von regionalen Pilgerwegen, wie sie in den jetzten Jahren vielerorts in Europa geschaffen wurden.
Pilgerwege wie die rund tausend Jahre alte Strecke zum Apostelgrab in Santiago de Compostela sind Glaubenswege. Für Glaubende wie für Zweifelnde. Sie stehen für eine Sehnsucht, mit sich, mit Gleichgesinnten oder aber auch mit Gott in Austausch zu gehen. Wo ist das sonst, im Trott des mehr oder weniger sesshaften Alltags, so einfach möglich? Die seit Jahrhunderten begangenen Pfade entfalten eine große Kraft.
Was es braucht ist die Bereitschaft, mit wenig Gepäck zu gehen und Ausrichtung auf das Ziel. Darin steckt trotz all der Begleiterscheinung eines Overtourismus ein hoffnungsvolles Zeichen.
Menschen lassen sich ansprechen von alten Gewissheiten und Geschichten. Die Kirchen müssen diese Schätze pflegen und mit neuen Impulsen für die vielen Suchenden von heute füllen. Deren Sehnsucht ist ein kostbares Zeichen.
Thomas Seiterich ist Ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift "Publik-Forum".
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.