Probleme klar benennen
Alt-Bischof Wolfgang Huber hat in einem "Zeit"-Interview aus Anlass seines 75. Geburtstages eine wichtige Feststellung gemacht, die auf viele aktuelle Debatten Anwendung finden sollte. Der Gleichheitsgrundsatz beinhalte auch, Ungleiches ungleich zu behandeln, so der Theologe und frühere EKD-Ratsvorsitzende. Huber bezog dies auf die Flüchtlingskrise und stellte zu Recht fest, dass zwischen Migranten, Asyl-Bewerbern und Kriegsflüchtlingen unterschieden werden müsse, um eben gerecht handeln zu können. In der schwelenden Islam-Debatte gilt dies ebenso.
Der islamistische Terror muss von der Religion des Islam unterschieden werden, das ist ein weitverbreiteter Konsens. Mehr noch: Islamismus und Dschihadismus müssen unterschieden werden von einem orthodoxen Islam wie von konservativen Strömungen. Es lohnt sich auch, sich mit den Entwicklungen des schiitischen und des sunnitischen Islam zu beschäftigen und die Geschichte der wahhabitischen Strömung kennenzulernen. Doch zugleich darf die Notwendigkeit der Unterscheidung nicht zu der etwas unterkomplexen und wohlfeilen Schlussfolgerung führen, dass es nicht auch Zusammenhänge und Verbindungen gäbe. Die aktuelle Islam-Debatte leidet manchmal an ideologischer Überfrachtung. Ein Blick von außen tut da gut: Es gibt nicht nur den arabischen Islam.
Das größte muslimische Land ist Indonesien. Kyai Haji Yahya Cholil Staquf ist islamischer Gelehrter und Generalsekretär einer großen Muslim-Vereinigung in seinem Land. Er verweist in einem "FAZ"-Interview auf den Zusammenhang zwischen Terrorismus und "Grundannahmen der islamischen Orthodoxie". Der Westen müsse aufhören, "das Nachdenken über diese Fragen für islamophob zu erklären", so Yahya Cholil Staquf. Und der Gelehrte sagt dies nicht, um nun selbst islamfeindliche Stimmungen zu stärken, sondern gerade damit das Zusammenleben besser gelingen kann. Diese Probleme müssten klar benannt werden, forderte Yahya Cholil Staquf, nur so sei das Verhältnis von Muslimen und Nicht-Muslimen dauerhaft zu verbessern. "Wenn man ein Problem leugnet, kann man es nicht lösen." Das gilt sogar in Wahlkampfzeiten.
Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.