Rassisten wie du und ich
Ein Ergebnis, das Raphael Bolay von der Caritas-Initiative für Respekt und Demokratie nur bestätigen kann: "Der 'klassische Rassismus' tritt zunehmend in den Hintergrund. Aktuelle Ausgrenzungsformen laufen entlang von Nationen, Religionen oder vermeintlich kulturellen Unterschieden." Demnach ist es nicht mehr die "minderwertige Rasse" sondern die "rückständige Kultur" oder die "archaische Religion", mit der die Ablehnung begründet wird.
Keine Randerscheinung
Die Studie zeigt: Fremdenhass ist in Deutschland keine Randerscheinung, sondern in allen Gruppen der Gesellschaft anzutreffen. Bildung und ein Leben ohne Perspektive spielen dabei eine wichtige Rolle. So tendieren schlecht ausgebildete Personen mit geringem Einkommen und Angst vor der Zukunft eher dazu, andere Menschen abzuwerten, als Personen, die sich ihrer wirtschaftlichen Stärke bewusst sind und, gestützt auf eine gute Ausbildung, optimistisch in die Zukunft schauen. Ein Mechanismus, den Andreas Zick vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld in seinen Studien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Europa erläutert: Wer bezweifelt, sich aus eigener Kraft verbessern zu können, erhöht sein Selbstwertgefühl, indem er andere abwertet.
Wenn man von Rechtsextremismus spricht, denken die meisten an NPD-Aufmärsche oder die Morde des ‚NSU‘. Diese und andere Studien zeigen, dass das Problem weitaus größer ist, als vielfach angenommen.
Raphael Bolay
Das funktioniert auch unterbewusst. Daher können Menschen auch rechte Ansichten vertreten, ohne sich Rassisten oder Ausländerfeinde zu nennen. Ihre Vorurteile versehen sie mit dem Etikett "Meinungsfreiheit" oder "Kritik" - getreu dem Motto: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen." Bolay: "Wenn man von Rechtsextremismus spricht, denken die meisten an NPD-Aufmärsche oder die Morde des ‚NSU‘. Diese und andere Studien zeigen, dass das Problem weitaus größer ist, als vielfach angenommen. Darin liegt ihr großer Wert.“
Ein Ost-West-Gegensatz, aber kein Ostproblem
Seit 2006 fragt die Friedrich-Ebert-Stiftung alle zwei Jahre nach den Meinungen und Einstellungen zum Thema Rechtsextremismus. Im Vergleich haben Oliver Decker, Johannes Kiess und Elmar Brähler herausgefunden, dass sich zwar immer weniger Menschen nach einem sogenannten „starken Mann“ an der Spitze des Staates sehnen, dafür aber mehr Menschen zu fremdenfeindlichen Einstellungen neigen. Ein Problem, das sich insbesondere in Ostdeutschland zeigt: Während in Westdeutschland laut der Studie 7,3 Prozent der Menschen ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild vertreten (2006 waren es 7,6 Prozent), sind es in Ostdeutschland 15,8 Prozent. Seit 2006 hat sich der Wert mehr als verdoppelt – damals waren es 6,6 Prozent.
Doch auch hier warnen die Autoren der Studie davor, voreilige Schlüsse zu ziehen: Es sei keinesfalls ein Ost-West-Problem, sondern ein Problem in Regionen, denen es wirtschaftlich schlecht geht. Dies erkläre, warum Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland weiter verbreitet ist.
Von Michael Richmann