Reformen statt Rache
Frage: Frau Dirksmeier, wie bewerten Sie das jetzt gesprochene Urteil?
Dirksmeier: Als christliches Hilfswerk sind wir natürlich nicht für die Todesstrafe. Auch die meisten unserer lokalen Partner im Land teilen diese Meinung. Statt unmittelbarer Rachegelüste braucht es wirkliche Reformen in Indien, zum Beispiel im Polizei- und Justizsystem. Das wäre eine größere Genugtuung als jetzt die Todesstrafe für die vier Verurteilten.
Frage: Wird das Verfahren und sein Ausgang etwas an der gesellschaftlichen Situation von Frauen im Land ändern?
Dirksmeier: Ja. Die weltweite öffentliche Aufmerksamkeit nämlich hat für Indien Konsequenzen, zum Beispiel bei den Touristenzahlen. Zwar sind Vergewaltigungen nicht alleine ein indisches Problem, die gibt es überall, auch in Deutschland. Allerdings ist der rechtsstaatliche Umgang bei uns eine Art Spiegel, der für Polizei und Justiz in dem Schwellenland unangenehm ist. Frauen, die Anzeige erstatten wollen, werden von der Polizei oft unverrichteter Dinge nach Hause geschickt. Zu viele Fälle werden von den Gerichten liegen gelassen und enden straflos. Es gibt viele gute Gesetze, aber sie werden nicht umgesetzt. Dass der Fall durch die Presse ging, lenkt den Fokus auf den allgemeinen Umgang mit Frauen im Land. Es kommt jetzt darauf an, das auch nach dem Urteil im Blick zu behalten.
Frage: Wie hilft Misereor Frauen in Indien?
Dirksmeier: Einerseits sind wir im städtischen Bereich aktiv. Einige unserer Partner vor Ort gehörten beispielsweise zu den Organisatoren der ersten Proteste direkt nach der Vergewaltigung. Ebenso versuchen unsere Partner, den Frauen geschützte Räume zu bieten – zum Beispiel beleuchtete Parks für den Arbeitsweg oder separate Abteile in Zügen. Auch gibt es Qualifizierungsprogramme mit Busfahrern oder Polizisten, damit sie Anzeigen bei Misshandlungen und Vergewaltigungen ernst nehmen. Andererseits sind wir seit vielen Jahren in ländlichen Gegenden aktiv. Dort ist die Situation noch viel schlimmer. Misereor unterstützt unter anderem Gruppen, in denen Frauen zusammenkommen und über ihre Probleme mit dem Patriarchat reden können. Im ländlichen Raum ist die Gesellschaft sehr frauenfeindlich und das Leben der Frauen ist nicht viel wert. Insgesamt geht es uns darum, auf die Situation der Frauen aufmerksam zu machen und den gesellschaftlichen Druck zu erhöhen, damit die Lage der Frauen überhaupt als Problem erkannt und ernsthaft angegangen wird.
Das Interview führte Christoph Meurer
Ein Gericht in Indien hat am Freitag vier Männer zum Tode verurteilt, die im Dezember eine 23-jährige Studentin missbraucht hatten. Die Justiz könne vor der steigenden Zahl von Sexualverbrechen an Frauen nicht die Augen verschließen, zitierte die indischen Tageszeitung "Times of India" die Richter. "Wir müssen klarstellen, dass das nicht toleriert wird", so die Richter weiter. Das Opfer war nach der schweren Vergewaltigung drei Wochen später an den Verletzungen gestorben. Die zwischen 19 und 26 Jahre alten Täter hatten ihre Schuld bis zuletzt bestritten. Die Verteidiger hatten Haftstrafen gefordert und wollen nun in Berufgung gehen- einer der jungen Männer brach nach dem Urteilsspruch tränenüberströmt zusammen. Im Gerichtssaal konnten die vier Männer aus armen Verhältnissen dem Prozess über große Strecken gar nicht folgen, weil sie kein Englisch beherrschen und keinen Übersetzer zur Seite gestellt bekamen, was in Indien nicht unüblich ist. Der Tod der Medizinstudentin hatte zu weltweiten Demonstrationen geführt. In Indien kam es zu einer bis dahin nicht gekannten Protestwelle gegen häusliche Gewalt und Vergewaltigung. Insgesamt waren sechs Männer an der Tat beteiligt Ein Verdächtiger wurde im Frühjahr tot in seiner Zelle in der Untersuchungshaft aufgefunden. Ein zur Tatzeit Minderjähriger wurde Mitte August zu drei Jahren Haft verurteilt; damit erhielt er die Höchststrafe nach indischem Jugendstrafrecht. (meu/KNA/dpa)