Resteessen
Die Tafeln und Suppenküchen schreiben - so Selkes Kritik - die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich fort. Er will die Perspektive der Betroffenen in den Mittelpunkt seines Buches stellen. "Die Armut mitten unter uns", lautet passend der Untertitel.
In zwei längeren Kapiteln geht es um die Sicht armer Menschen in Deutschland, viele davon notgedrungen Nutzer der Tafeln, Suppenküchen und anderer privater und ehrenamtlicher Hilfseinrichtungen. Selke beschreibt nach vielen Gesprächen mit Betroffenen (rund 100 aus den Jahren 2009 bis 2012), wie leicht Krankheit, Alter, der Tod eins Partners, Alkoholprobleme und Arbeitslosigkeit an den Rand der Gesellschaft und in die Armut führen können. Er zeigt eindringlich die Abwärtsspirale auf und nutzt dabei unterschiedliche Stilmittel.
Klangcollage der Tafelnutzer
Im Kapitel "Trostbrot" geht es um konkrete Schicksale - ausschließlich geschildert aus der Perspektive der Betroffenen. Unter der Überschrift "Im Chor der Tafelnutzer" montiert Selke - nach dem Vorbild von Walter Kempowski (1929-2007/"Das Echolot") - einzelne Sätze zu einer Klangcollage der Tafelnutzer. Die Kernsätze lauten etwa "Den Tafeln sind wir wirklich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert". Und: "Die Helfer machen und machen - und merken nicht, dass sie damit die Ursache der Armut nie beheben werden."
Damit ist Selke schon mittendrin in seiner Kritik an der Tafelbewegung, die im Vordergrund des Buchs steht, insbesondere in den theoretisch-analytischen Kapiteln. "Tafeln sind bestenfalls eine Hilfskonstruktion, die das Elend nicht abschafft, sondern lediglich in eine sozial erwünschte Form kleidet", lautet ein zentraler Kritikpunkt. Sie seien zudem "ein Paradebeispiel für die Privatisierung des Sozialen unter Zuhilfenahme der ideologisch aktivierten Freiwilligkeit der Helfer". Sie nützten vor allem sich selbst, ihren Unterstützern und Spendern.
Wohltätigkeit als kostengünstiger Ersatz
"Anstatt Armut nachhaltig durch politisches Handeln zu bekämpfen, wird private Wohltätigkeit als kostengünstiger Ersatz instrumentalisiert und inszeniert", kritisiert Selke auch. Schuld daran seien nicht die Helfer, sondern die Politik, die die Verantwortung für soziale Sicherung nach und nach auf Freiwillige verlagert habe.
Selkes Argumente wiederholen sich. Die Konsequenzen aus seiner Analyse bleiben oberflächlich. Wie Politik die Armut nachhaltig bekämpfen könnte, skizziert er bloß. Stattdessen spart er nicht mit Mahnungen wie: "Sollten der sozialen Spaltung der Gesellschaft langfristig nur private Almosensysteme entgegengesetzt werden, sind zukünftig grundlegende gesellschaftliche Verwerfungen zu befürchten, die für demokratisch verfasste Gesellschaften nicht akzeptabel sind."
Allerdings will Selke wohl auch nicht mehr. "Meine Soziologie ist eine wütende Wissenschaft", bekennt er. "Sie ist nicht neutral, sondern Interesse geleitet. Sie nimmt Anteil an den Sorgen der Menschen." Dafür wiederum steht seine Kritik an der Tafelbewegung zu sehr im Vordergrund des Buchs.
Von Ira Schaible (dpa)