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Das Hamburger Straßenmagazin "Hinz __amp__ Kuntz" feiert seinen 20. Geburtstag

"Soziale Stimme in der Stadt"

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Obdachlose in einer Notunterkunft.
Hamburg - Mit einem Stapel Zeitungen in der Hand steht Klaus freundlich lächelnd vor einem Kaufhaus in der Hamburger Innenstadt. "Hallo", grüßt der Verkäufer des Straßenmagazins "Hinz & Kunzt" jeden Passanten - doch niemand bleibt stehen. "Man braucht Geduld", sagt der 47-Jährige.

An guten Tagen verkauft er an seinem Stammplatz etwa 15 Zeitungen, lebt nach eigenen Angaben allein von Erlös und Trinkgeldern. Klaus ist einer von 500 "Hinz __amp__ Künztlern" - so nennen sich die Obdachlosen, Alkoholiker, Drogenabhängigen oder sozial Schwachen, die das Monatsmagazin, das in diesen Tagen 20 Jahre alt wird, auf Hamburgs Straßen verkaufen. Nach dem Vorbild des britischen Straßenmagazins "The Big Issue" wurde "Hinz __amp__ Kunzt" 1993 vom damaligen Landespastor und Leiter des Diakonischen Werkes Hamburg, Stephan Reimers, gegründet.

Der Plan: Professionelle Journalisten schreiben die Artikel, den Verkauf übernehmen Obdachlose. Sie sollten nicht nur Geld verdienen, sondern auch ein Stück Würde zurückbekommen, erklärt Chefredakteurin Birgit Müller. Die 57-Jährige ist seit der ersten Ausgabe dabei, gab ihre damalige Anstellung für das Projekt mit ungewissem Ausgang auf. "Ich habe gekündigt, weil ich mich in diese Idee verliebt hatte", erinnert sie sich. "Von Anfang an hatten wir das Ziel, soziale Stimme in dieser Stadt zu sein."

Die zum Start gedruckten 30.000 Exemplare waren innerhalb von zehn Tagen ausverkauft: "Wir hatten einen Nerv in Hamburg getroffen", berichtet Müller. Die durchschnittlich verkaufte Auflage liege heute bei 68.000. Mit Verkaufserlösen, Anzeigenumsätzen und Spenden wird das Magazin finanziert. Gesellschafter von "Hinz __amp__ Kunzt" sind mit 70 Prozent das Diakonische Werk und mit 30 Prozent die Patriotische Gesellschaft von 1765. Nach Angaben von Müller ist "Hinz __amp__ Kunzt" das zweitälteste Magazin seiner Art in Deutschland. Noch älter ist das "Biss", das in München erscheint und bereits im Oktober sein 20-jähriges Bestehen feierte.

Vorbild für andere Städte

"Hinz __amp__ Kunzt hat sich zu einem Vorbild für andere Städte entwickelt", erklärt Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) zum Jubiläum. "Dem Zeitungsprojekt gelang es, das Thema Obdachlosigkeit ins Bewusstsein der Stadt zu bringen und die Hamburger hierfür zu sensibilisieren." Nach Angaben der Sozialbehörde gibt es in der Hansestadt etwas mehr als 1.000 Obdachlose - die Erhebung stammt allerdings aus dem Jahr 2009.

"Hinz __amp__ Künztler" sind aber inzwischen nicht nur Obdachlose, 80 Prozent der Stammverkäufer haben eine Unterkunft. Doch fast alle lebten mal auf der Straße oder waren von Obdachlosigkeit bedroht. Viele der Verkäufer haben ausländische Wurzeln. Nur 20 Prozent der "Hinz __amp__ Künztler" sind Frauen. Viele Verkäufer sind in ihrem Viertel bekannt, haben Stammkunden.

Die Zeitung hat sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt. "Wir sind immer politischer und bunter geworden, gucken viel mehr über den Tellerrand hinaus", sagt Müller. Ob Zwangsräumung, Spielsucht oder Leiharbeit - "Hinz und Kunzt" greift viele gesellschaftliche Fragen auf. Auch Kulturthemen prägen den Inhalt. Das Magazin wolle ganz nah dran sein, erklärt die Chefredakteurin. Gezeigt werden sollen "mehr Lebenslinien als Lifestyle". Für Porträts werden Künstler oder Schauspieler deshalb meist ungeschminkt fotografiert. Es gibt zudem Sonderhefte über Literatur oder Kochen.

"Hinz __amp__ Kunzt ist nicht mehr wegzudenken"

"Hinz __amp__ Kunzt ist nicht mehr wegzudenken - nicht nur für von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen", sagt der Vorsitzende des Mietervereins zu Hamburg, Eckard Pahlke. "Das schlechte und teure Wohnen in Hamburg ist immer wieder Thema, und das Magazin kann auch die Politik zum Denken anregen."

Für die Zeitung arbeiten neben der Chefredakteurin noch zwei Volontäre und viele freie Mitarbeiter. Die Angestellten im Vertrieb sind meist ehemalige Obdachlose. Am Sitz des Magazins in der Hamburger Altstadt holen die Verkäufer nicht nur ihre Zeitungen ab. Ein Cafe ist gleichzeitig Treffpunkt, zwei Sozialarbeiter stehen für Beratungen bereit. Für eine Zeitung müssen die Verkäufer 90 Cent ausgeben und dürfen sie für 1,90 Euro verkaufen.

Doch es gibt Rivalitäten: "Es ist schon ein Kampf ums Geld", sagt Klaus, der früher einmal obdachlos war und kein Hartz IV beantragen möchte. Verkauft werden darf nur an einem zugewiesenen Platz. Betteln, Alkohol und Drogen sind dabei tabu. Wer ganz unten ist, schafft es oft nicht, sich an diese Regeln zu halten. "Der Job ist schwer", sagt Müller. Die Verkäufer stehen bei Wind und Wetter draußen und müssen immer bereit sein, mit ihren Kunden zu reden. "Wer das schafft, kann Selbstbewusstsein aufbauen."

Von Stephanie Lettgen (dpa)

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