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Parteien sollen auf Sehnsucht nach Solidarität reagieren

Soziologe: Politiker brauchen Gespür für Sinnfragen

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Solidarisches Händehalten
Berlin - Unterbezahlte Pflegekräfte und Paketboten, Veränderungen in der Gesellschaft: Politiker sollten heutzutage nicht mehr nur rein pragmatisch handeln, so der Soziolog Heinz Bude. Er plädiert für ein neues Nachdenken über die Solidarität.

Politiker können nach Einschätzung des Soziologen Heinz Bude künftig nicht nur pragmatisch handeln. "Sie brauchen auch ein Gespür für die metaphysischen Fragen des Geworfenseins in unsere Welt", sagte er der Zeitung "Die Welt" (Samstag). Sinnvoll könne es sein, über den Begriff der Solidarität neu nachzudenken: "Die Leere des politischen Raums bedarf einer gewissen metaphysischen Dosis. Solidarität erscheint mir da für links wie rechts ein guter Ansatz, um die politische Mitte auch metaphysisch zu besetzen."

Bude warnte vor Enttäuschungen durch Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. "In Zukunft werden die Werte in 'lovely jobs' geschaffen, die Leute, die heute in den 'lousy jobs' ihr Brot verdienen, werden mit einem 'bedingungslosen Grundeinkommen' abgefunden." Bei einer solchen Entwicklungen drohe eine "freudlose Verbitterung", die schon heute zu beobachten sei: "Die Menschen auf der Kippe sind die Stimmungskiller in allen westlichen Gesellschaften." Eine anständige Gesellschaft müsse sich darüber im Klaren sein, "was uns eine Pflegekraft, eine Haushaltshilfe oder ein Paketbote wert ist".

Bude: Konservative hätten aufgegeben, einen schlüssigen Gesellschaftsentwurf zu denken

Kritik übte Bude an einer allfälligen Forderung nach "safe spaces". Diese Rückzugsräume würden inzwischen nicht mehr nur an amerikanischen Universitäten gefordert, sondern "im Grunde reklamieren das alle für sich", so der Wissenschaftler. "Ich vermisse den Anspruch, dass wir miteinander zurechtkommen, statt 'safe spaces' zu proklamieren."

Solidarität dürfe dabei nicht als Einbahnstraße verstanden werden, betonte Bude. Sie bedeute vielmehr "Wechselseitigkeit, Rücksichtnahme, Einsatz im Dienste des Gemeinsamen". Wer etwa Leistungen des Staates wahrnehme, akzeptiere damit auch eine Verpflichtung. Umgekehrt dürfe der Staat diese Leistungen nicht als "Stillhalteprämie" betrachten, "sondern als Voraussetzung für eine Teilhabe auf Augenhöhe".

Die Parteien seien gefragt, auf die Sehnsucht vieler Menschen nach Solidarität zu reagieren. Derzeit stellten rechte Kräfte "das Wir gegen das Ich", erklärte der Soziologe. "Und das Verrückte ist: Die Linke hat dem nichts entgegenzusetzen." Die Konservativen hätten es "aufgegeben, einen in sich schlüssigen Gesellschaftsentwurf auch nur zu denken". - Budes Buch "Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee" erscheint am Montag im Carl Hanser Verlag. (KNA)

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