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Thomas Winkel über interessengesteuerte Analysen

Stimmungsmache mit Studien

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Schachfigur
Bonn - Thomas Winkel über interessengesteuerte Analysen

Zum Auftakt des Wahljahres drängt eine "unabhängige wissenschaftliche Studie" nach der anderen auf den Markt der Meinungen – und nie waren sie so interessengesteuert wie heute. Kein Wunder, dass immer mehr Auftraggeber der Analysen ihre politischen Forderungen gleich mitliefern. Beispiel: "Wir brauchen eine Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und die vollständige rechtliche Gleichstellung, auch bei der Adoption." Das fordert wenig überraschend die Antidiskriminierungsstelle des Bundes – aus einer von ihr selbst in Auftrag gegebenen Umfrage zu Einstellungen gegenüber nicht-heterosexuellen Menschen.

Die Stimmungsmache mit Studien nimmt zu. Organisationen aus der rechten Ecke wollen am liebsten einen massenhaften Sozialmissbrauch belegen, aus dem linken Spektrum kommen gerne Expertisen über eine unanständige Verteilung von Vermögen. Die einen sehen Flüchtlinge fast generell als Kriminelle an, die anderen durchgängig als Opfer mit weißer Weste – Generalverdacht hier, Generalfreispruch dort. Und für fast alles müssen mehr oder weniger fundierte Analysen herhalten, bei denen bisweilen Äpfel mit Birnen verglichen werden. Leider landen seit einigen Jahren solche lobby-lancierten Ladungen immer leichter auf redaktionellen Seiten. Denn in vielen Redaktionen werden Personal, Zeit und Geld knapper - und ein krisengeschüttelter Journalismus greift notgedrungen eher auf passgenau servierte Stücke aus der gut geölten PR-Maschinerie zurück. Was nun?

Kritische Distanz ist gefragt, bei Journalisten ebenso wie bei Lesern und Likern. Zu einer professionellen Berichterstattung über Studien gehört es, möglichst den Auftraggeber zu nennen und subtile Wertungen im mitgelieferten Pressetext zu entlarven. Und überhaupt: Wie repräsentativ ist die Studie? Wie lautete eigentlich die Frage? Schon jedes Kind weiß doch, wie es fragen muss, um an die gewünschte Antwort zu kommen... Trotz des Rotstifts in vielen Redaktionen mühen sich die meisten Journalisten nach Kräften. Doch oft übernähmen sie fertige Textbausteine zu wissenschaftlichen Studien, bemängelte schon früh das "Netzwerk Recherche". (Wirtschaftliche) Interessen können so Zugang erhalten zu Seiten und Köpfen. Medien und ihre Nutzer sollten hier genau hinschauen, kritisch und wachsam bleiben – nicht nur in einem Wahljahr.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

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