Theologe: Wer Stolpersteine verbietet, handelt gottlos
Der von AfD und CDU getragene Beschluss des Heidenauer Stadtrates, die Verlegung von Stolpersteinen zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus in der Stadt künftig zu verbieten, hat bundesweit für Kritik gesorgt. Auch Johannes Hintzen ist aufgebracht – und nicht tatenlos geblieben. Seit Ende September demonstriert der 70-jährige katholische Theologe, der selbst Mitglied der CDU ist, jeden Werktag vor dem Heidenauer Rathaus gegen den Beschluss.
Frage: Herr Hintzen, seit Ende September sitzen Sie an jedem Werktag für mehrere Stunden vor dem Heidenauer Rathaus, um gegen das vom Stadtrat erlassene Stolperstein-Verbot zu demonstrieren. Wie sieht ein typischer Protesttag für Sie aus?
Hintzen: Ein typischer Protesttag beginnt damit, dass ich am frühen Nachmittag mit meinem Auto von meinem Wohnort Freital nach Heidenau fahre. Wenn ich dort am Rathaus angekommen bin, lade ich zunächst meine Sachen aus und baue alles auf: mein Protestplakat, die Staffelei, auf die ich das Plakat stelle, und einen Klappstuhl, damit ich nicht die ganze Zeit stehen muss. Und ab dann sitze ich vor dem Rathaus – gewissenermaßen auf dem Präsentierteller – und bleibe meist bis etwa 18.30 Uhr.
Frage: Was erleben Sie während dieser Stunden vor dem Rathaus?
Hintzen: In der Regel ist dort wenig los. Ich könnte mich auch auf den Heidenauer Marktplatz setzen, dort würden mich mehr Menschen sehen. Aber ich sitze bewusst vor dem Rathaus, weil dort der Stadtrat tagt und seine Beschlüsse fasst. Jeder, der hineingeht oder herauskommt, sieht mich. Von den Menschen, die meine Aktion gut finden, kommen viele auf mich zu und zeigen mir ihre Solidarität. Neulich etwa hat mich eine Frau umarmt und mir selbst gemachte Marmelade geschenkt. Aber ich sage immer: Ich sitze nicht für mich dort, sondern stellvertretend für diejenigen, die keine Zeit haben, selbst zu protestieren, und für die Menschen, an die mit Stolpersteinen erinnert werden soll.
Frage: Gab es auch schon unangenehme Begegnungen?
Hintzen: Bislang nur zwei. Ein Mann, der einen AfD-Button trug, wollte mich belehren. Den habe ich nicht ernst genommen. Ein anderer, der vermutlich ebenfalls dem AfD-Umfeld angehörte, war unangenehmer. Der kam aus dem Rathaus, beugte sich zu mir herunter und fragte drohend: "Finden Sie es in Ordnung, wenn auf den Stolpersteinen herumgetrampelt wird?" Ich habe ihm dann gesagt: "Sie lügen mich an." Denn direkt vor dem Rathaus liegt ein Stolperstein für den ehemaligen Heidenauer Bürgermeister Paul Gröger, und da ist noch nie jemand draufgetreten. Das Argument, dass auf den Stolpersteinen herumgetrampelt werden könnte, ist von der AfD natürlich nur vorgeschoben. Sie ist grundsätzlich gegen jede Form des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.
Frage: Haben Sie den Eindruck, mit Ihrem Protest etwas zu bewirken?
Hintzen: Das weiß ich nicht. Das ist aber auch nicht mein vorrangiges Ziel. Mir geht es darum, ein Zeichen zu setzen und klar zu zeigen, dass ich das Stolperstein-Verbot ablehne.
Wenn Menschen vorbeikommen und meine Aktion gut finden, fühlt sich das natürlich gut an. Aber selbst wenn niemand käme, wüsste ich, dass ich das Richtige tue.
Johannes Hintzen
Frage: Was gibt Ihnen die Kraft, jeden Werktag wieder nach Heidenau zu fahren?
Hintzen: Ich habe gar nicht das Gefühl, dass ich Kraft brauche oder etwas Besonderes auf mich nehme. Ich bin von dem, was ich tue, voll und ganz überzeugt, weil es meinen innersten Überzeugungen entspricht. Wenn Menschen vorbeikommen und meine Aktion gut finden, fühlt sich das natürlich gut an. Aber selbst wenn niemand käme, wüsste ich, dass ich das Richtige tue. Deshalb mache ich weiter.
Frage: Was hat Sie ursprünglich dazu gebracht, gegen den Beschluss des Stadtrates zu protestieren?
Hintzen: Als ich durch eine SMS meines Sohnes von dem Beschluss erfuhr, habe ich zunächst gedacht, ich lese nicht richtig! Dass die Heidenauer CDU sich mit den Rechtsradikalen der AfD zusammengetan hat, um dieses Stolperstein-Verbot zu beschließen, empfinde ich als einen Sündenfall. Und dass unser Ministerpräsident Michael Kretschmer diesen Beschluss hinterher als normalen demokratischen Vorgang bezeichnet hat und auch sonst aus der Partei kaum eine kritische Reaktion kam, hat mich noch mehr auf die Zinne gebracht. Sie müssen wissen: Ich bin selbst CDU-Mitglied, deshalb entsetzt mich dieses Verhalten meiner Parteifreunde umso mehr.
Frage: Haben Sie über einen Austritt aus der CDU nachgedacht?
Hintzen: Ja, ich war kurz davor. Eine Freundin riet mir jedoch, Mitglied zu bleiben, weil ich dann noch Einfluss nehmen könne. Also bin ich geblieben – vorerst. Zu meinem Protest vor dem Heidenauer Rathaus trage ich nun ganz bewusst eine schwarze CDU-Jacke. Ich möchte zeigen, dass nicht alle in der Partei den Stolperstein-Beschluss mittragen.
Frage: Warum sind Stolpersteine für Sie eine so wichtige Form des Gedenkens?
Hintzen: Auf den Steinen stehen die Namen, die Lebensdaten und die letzten Wohn- oder Arbeitsorte der Menschen, an die erinnert wird. Es geht darum, Menschen, die von den Nationalsozialisten entrechtet, in Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden, wieder einen Namen zu geben und sie vor dem Vergessen zu bewahren. Genau das macht mich an dem Beschluss des Heidenauer Stadtrates so fassungslos: Was die Nationalsozialisten erreichen wollten, wird dadurch wiederholt. Die Opfer sollen namenlos bleiben, an die Verbrechen soll nicht mehr erinnert werden.
Frage: Der Stadtrat verweist als Alternative auf das Gedenken auf dem Heidenauer Nordfriedhof. Warum reicht Ihnen das nicht?
Hintzen: Dort soll ein allgemeiner Gedenkort für alle Opfer von Krieg, Terror, Diktaturen und Vertreibung entstehen – das ist etwas völlig anderes. Stolpersteine erinnern konkret an einzelne Menschen und ihr Schicksal. Die Gegner der Stolpersteine verweisen gerne auf München, wo es ebenfalls keine Stolpersteine gibt. Dort werden allerdings Erinnerungstafeln an Hauswänden angebracht und Gedenkstelen aufgestellt. Das wäre auch in Heidenau möglich, aber auch eine solche Alternative wird nicht umgesetzt. Die AfD will die Erinnerung an die NS-Verbrechen insgesamt zurückdrängen. Ich nenne das die "Höckesierung" der Gedenkkultur, schließlich hat Björn Höcke das Holocaust-Mahnmal in Berlin einst als "Denkmal der Schande" verunglimpft und eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" gefordert. In Heidenau wird exemplarisch sichtbar, wohin das führen kann: Die Opfer sollen wieder namenlos werden.
Frage: Welche Rolle spielt Ihr christlicher Glaube bei Ihrem Engagement?
Hintzen: Eine große. Im Alten Testament sagt Gott: "Ich habe dich beim Namen gerufen." Bei Gott hat jeder Mensch einen Namen. Wer die Stolpersteine verbieten und die Menschen, an die erinnert werden soll, damit namenlos machen will, handelt für mich gottlos.
Frage: Die Entscheidung des Stadtrates hat bundesweit Kritik ausgelöst. Wie reagieren die Menschen in Heidenau darauf?
Hintzen: Manche Menschen hier sagen: Jetzt stehe Heidenau wieder in einem schlechten Licht da. Sie ärgern sich weniger über den Beschluss selbst als über die Kritik von außerhalb. Das erinnert mich an 2015, als es in Heidenau vor einer neu eingerichteten Flüchtlingsunterkunft zu tagelangen Protesten, Ausschreitungen und Blockaden kam. Hunderte Rechtsextreme und Anwohner warfen damals Steine, Flaschen und Feuerwerkskörper auf die Polizei und die Unterkunft. Auch damals richtete sich die Kritik mancher Menschen nicht gegen die Krawallmacher, sondern gegen die Medien und diejenigen von außerhalb, die die Vorfälle kritisierten. Das ist eine Art Wagenburgmentalität.
Frage: Vergangene Woche hat sich der Heidenauer Stadtrat mit mehreren Petitionen gegen das Stolperstein-Verbot befasst und diese allesamt abgelehnt. Was bedeutet das für Ihren Protest? Werden Sie ihn fortsetzen?
Hintzen: Natürlich! Ich bin derzeit mit einem Verein in Pirna im Gespräch, der im vergangenen Jahr die Verlegung weiterer Stolpersteine in Heidenau beantragt hatte – wozu es nicht mehr kam. Ich habe den Verein nun darum gebeten, mir die Namen und Daten derjenigen Menschen mitzuteilen, an die mit den Stolpersteinen erinnert werden sollte. Diese Namen und Daten werde ich dann auf meinem Protestplakat anbringen, um wenigstens auf diese Weise an sie zu erinnern.