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Liturgiewissenschaftler Stephan Wahle versteht Kritik an Applaus in Kirche

Theologe zu Klatschen in Messe: Kann Sternstunde von Liturgie sein

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Paderborn - Sollte man im Gottesdienst applaudieren? Die Antworten auf diese Frage gehen oft weit auseinander. Im katholisch.de-Interview erklärt Liturgiewissenschaftler Stephan Wahle, warum das Klatschen in der Kirche polarisiert – und wie ein guter Umgang mit dem Thema aussehen kann.

Wenn bei einem Gottesdienst die Kirchenmusik die Herzen der Messbesucher berührt hat oder den Organisatoren des Pfarrfestes nach der Eucharistiefeier gedankt wird, kann es vorkommen, dass Applaus in der Kirche zu hören ist. Doch ist das Klatschen der Liturgie überhaupt angemessen? Das Thema polarisiert nicht wenige Gläubige. Der Paderborner Liturgiewissenschaftler Stephan Wahle analysiert im Interview, warum das so ist.

Frage: Am Klatschen im Gottesdienst scheiden sich die Geister: Einige verurteilen es vehement, andere sind große Befürworter. Warum hat dieses Thema das Potenzial zur Polarisierung?

Wahle: Das hängt mit dem Verständnis davon zusammen, was Liturgie eigentlich ist. Wenn man in den Vordergrund stellt, dass Liturgie ein sakrales Geschehen ist, in dem es um die Verehrung Gottes, um die Anbetung oder um das stille Verweilen in der Gegenwart Gottes geht, dann passt das Klatschen nicht in dieses Konzept. Wer diesen Schwerpunkt setzt, fragt sich, wie eine so menschliche Gebärde wie das Klatschen der Ehre Gottes dienen kann. Andere argumentieren damit, dass Liturgie vor allem ein Begegnungsgeschehen zwischen Gott und Mensch ist, an dem der Mensch mit all seinen Sinnen aktiv teilnimmt und so Gottes Nähe und Zuwendung spüren kann. Und wenn es angebracht ist, kann sich diese aktive Teilhabe am Gottesdienst auch körperlich ausdrücken, etwa indem der Mensch in einem passenden Moment klatscht. Die angesprochene Polarisierung hängt also stark damit zusammen, was man grundsätzlich unter der Funktion und dem Ziel des Gottesdienstes versteht.

Frage: Gibt es eine liturgische Tradition oder ein Ritual, bei dem geklatscht wird?

Wahle: In den liturgischen Büchern und ihren Handlungsanweisungen, den Rubriken, gibt es in der Tat keine Anweisungen, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt klatschen sollte. Aber es gibt auch liturgische Traditionen, die wie ein ungeschriebenes Gesetz in bestimmten Gemeinden oder Situationen gelten. In früheren Zeiten gehörte sicherlich ein körperliches Mitfeiern zum Gottesdienst, das sich auf unterschiedliche Weise und vielleicht auch im Klatschen äußern konnte. Dazu brauchte es keine Rubrik.

Frage: Das könnte auch eine kulturelle Frage sein, wie etwa das Tanzen in Gottesdiensten in Afrika, das es so in Mitteleuropa nicht gibt.

Wahle: Dass man mit den Füßen auf den Boden stampft, ist in der Liturgie afrikanischer Länder etwas Selbstverständliches, weil man dadurch eine Verbindung zum Himmel und zur Erde herstellt und damit auch die Ahnen in den Gottesdienst einbezieht. Es gibt unterschiedlichste kulturelle Motive, wie das liturgische Geschehen, die Begegnung mit Gott und untereinander, sinnfällig zum Ausdruck gebracht wird. Unsere deutsche Kultur ist eher eine in sich ruhende. Deshalb haben wir das Gefühl, der Gottesdienst sollte etwas Stilles und Erhabenes sein. In unserer Mentalität verstehen viele das heilige Spiel der Liturgie als erbauend und ruhig, wohingegen andere Traditionen und Kulturen genau dasselbe dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie eine überschäumende Freude zeigen – etwa durch das Klatschen.

Der Liturgiewissenschaftler Stephan Wahle
Professor Stephan Wahle ist derzeit Lehrstuhlvertreter für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät Paderborn.

Frage: Können Sie Menschen verstehen, die sich gegen das Klatschen im Gottesdienst aussprechen, weil sie es als störend empfinden?

Wahle: Ich verstehe das durchaus. Ich bin zwar gegen generelle Verbote in der Frage des Klatschens, aber es gibt Momente im Kirchenjahr, etwa die Fastenzeit oder Karfreitag, an denen es selbstverständlich sein sollte, dass nicht geklatscht wird. Ich bin allerdings skeptisch, wenn man den Gottesdienst per se als ein so heiliges Geschehen versteht, dass Klatschen dort nichts zu suchen hat. Jeder und jede Einzelne sollte in seiner oder ihrer spezifischen Frömmigkeit wertgeschätzt werden, aber daraus lässt sich kein generelles Pro oder Kontra ableiten.

Frage: In den 90er-Jahren hat Kardinal Meisner im Kölner Dom versucht, den Gläubigen das Klatschen zu verbieten. Die Menschen haben aber trotzdem weiter geklatscht.

Wahle: Ich kann mich an eine Christmette erinnern, in der eine sehr gute Predigt alles so auf den Punkt gebracht hat, dass die Stimmung im Raum einzigartig war und die Menschen spontan klatschten. Ich hatte so etwas vorher nicht erlebt und habe danach auch nie wieder eine so stimmige Weihnachtspredigt gehört. Irgendwie musste sich dieses Gefühl nach außen kundtun und die Menschen haben geklatscht, weil es zur Situation passte. So etwas lässt sich dann auch nicht unterbinden. Denn es war Ausdruck der Zustimmung zu dem, was gerade gesagt worden war, eine Art Akklamation. Das ist im Übrigen ein uraltes liturgisches Element: Die Gläubigen akklamieren, stimmen dem zu, was im liturgischen Geschehen ausgedrückt wird. Das Klatschen kann eine vergleichbare Funktion haben.

Frage: Manchmal hat das Klatschen im Gottesdienst aber auch eine Art ritualisierte Funktion, etwa wenn am Ende eines Gottesdienstes für die schöne Musik oder die Vorbereitung des Pfarrfestes gedankt wird.

Wahle: Das habe ich auch beobachtet. Dann fühlt man sich fast verpflichtet, aus Dankbarkeit oder zum Ausdruck der Anerkennung zu klatschen. In diesem Fall ist das Klatschen dann nicht mehr eine spontane Äußerung im liturgischen Geschehen, sondern ein konventioneller Akt. Wenn das zur Routine wird und man sich regelrecht genötigt sieht, ebenfalls zu klatschen, kann ich eine Kritik daran nachvollziehen. Das findet übrigens in der Regel nicht nur am Ende eines Gottesdienstes statt, sondern auch am Anfang, etwa wenn Konzelebranten vorgestellt werden. Aber wenn am Ende des Gottesdienstes der Organist auf einmal ein grandioses Orgelstück spielt, ohne dass man das vielleicht erwartet hat, und dann als Dank Applaus für die Stimmigkeit des liturgischen Orgelspiels aufbraust, hat das aus meiner Sicht wiederum seine Berechtigung.

Klatschende Menschen
Der Applaus im Gottesdienst ist ein Thema mit einem großen Potenzial zur Polarisierung.

Frage: Vielleicht muss das Klatschen in Verbindung mit Musik in der Liturgie – ich denke da etwa an Gospel-Chöre – noch einmal von anderen Formen unterschieden werden?

Wahle: Vollkommen richtig. Es gibt Psalmen, etwa Psalm 47, in denen dazu aufgerufen wird, zur Ehre Gottes in die Hände zu klatschen. Dazu gibt es passende Lieder, die das biblisch verorten. Aber das Klatschen kommt auch in bestimmten musikalischen Genres oder Aktivitäten im Bereich der Kinder- und Jugendliturgie vor. Dort ist es Ausdruck einer Partizipation in einem ganzheitlichen Sinn.

Frage: Ich habe schon in einem Gottesdienst erlebt, dass zum Abschluss als Dank für die Musik geklatscht wurde, aber das dem zelebrierenden Priester nicht recht war. Er hat dann schnell vor dem Beginn des Applauses gesagt: "Jetzt klatschen wir alle für die Jungfrau Maria." Der Pfarrer wollte den Jubel und die Dankbarkeit also in einem religiösen Sinn umlenken. Was halten Sie davon?

Wahle: Wenn man nicht zulässt, dass es im Gottesdienst auch darum gehen kann, eine heilsame Begegnung untereinander zu erfahren, spart man eine wichtige Facette der Liturgie aus. Natürlich feiern wir Liturgie als Danksagung für das Erlösungswerk Jesu Christi und in der lebendigen Begegnung mit ihm. Aber diese Begegnung mit Gott zielt darauf ab, dass der Mensch froh und heil gemacht wird. Und dieser Aspekt wird auch erfahrbar in der lebendigen Begegnung mit dem Nächsten, mit dem man seinen Glauben teilt. Auch in Musik und Gesang kann ich in einer wie auch immer gearteten Weise eine Spur Gottes erkennen. Wenn man das begreift, muss man nicht zum Ende eine sakrale Kurve hinbekommen und etwas hölzern sagen, wir klatschen jetzt zur Ehre der Gottesmutter oder des Jesuskindes.

Frage: Haben Sie eine Art Masterplan, wie man mit dem Klatschen im Gottesdienst umgehen sollte?

Wahle: Jede Gemeinde sollte versuchen, eine eigene liturgische Feierkultur zu entwickeln. Über die Art und Weise, wie wir Liturgie feiern, sprechen wir in unseren Kirchengemeinden viel zu selten. Oft gibt es eine Routine und wir überlegen gar nicht mehr, wie wir stimmig Liturgie feiern können – auf eine Weise, dass sich einerseits die Menschen darin wiederfinden können, aber gleichzeitig auch die Botschaft Jesu Christi so weitergetragen wird, dass sie zu einer religiösen Erfahrung werden kann. In diesem Zusammenhang kann man die Frage stellen, ob sich das Klatschen im Gottesdienst eingebürgert hat, wo es nicht unbedingt passend ist. Masterpläne oder allgemeine liturgische Vorgaben, die etwa generell für die Weltkirche gedacht sind, finde ich schwierig. Denn Liturgie ist immer in der jeweiligen Kultur zu Hause und es gibt zudem diese einmaligen Ereignisse, von denen wir gesprochen haben, die zu Recht zu einer Akklamation führen. Aber auch das Gegenteil existiert: intensive geistliche Situationen in der Liturgie, in denen man einfach nicht klatschen kann, da sich alles in eine geistliche Stille hüllt. Etwa wenn die Gemeinde so ergriffen von einem Musikstück ist, dass zunächst ein langes Schweigen herrscht. Aber nochmals: Wenn sich die Freude spontan entlädt, sollte man das auf keinen Fall unterbinden, sondern in diesem Fall das Klatschen als eine Sternstunde von Liturgie begreifen.

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