Theologin: Opfertheologie stützt Abwertung von Frauen in Gesellschaft
Aus Sicht der Theologin Anne-Kathrin Fischbach hat die christliche Opfertheologie das Potenzial, abwertende Strukturen gegenüber Frauen in der Gesellschaft zu stützen. Das Paradox der christlichen Botschaft, dass es Rettung durch Opferbereitschaft bis in den Tod hinein gebe, biete gerade unterdrückten Gruppen ein stärkeres Identifikationspotenzial, da es ihnen ausgleichende Gerechtigkeit zuspreche, schreibt Fischbach in einem Beitrag für das Online-Portal "feinschwarz" (Mittwoch). "In der Anwendung der christlichen Opfertheologie auf das eigene Leben beispielsweise kann eine Frau eine Umwertung der Werte dementsprechend vornehmen, dass sie es als Wert ausweisen kann, opferbereit zu sein, allen gerecht zu werden, eben wie Paulus allen alles zu sein." Durch diese Umdeutung könne die Botschaft der Befreiung durch Hingabe zu einem Werkzeug der Unterdrückung werden.
Die Gefahr, die mit der christlichen Idealisierung des Opfers einhergehe, dürfe nicht verschwiegen werden, so die Theologin weiter. "Aufopferung vermag zwar tatsächlich Räume zu eröffnen, Leben zu schaffen, aber nur wenn sie freiwillig erbracht wird – aus einer Position der Stärke heraus." So laute die Weihnachtsbotschaft etwa, dass der "Allmächtige" sich schwach und verwundbar gemacht habe. Ein solches freiwilliges Opfer von Benachteiligten in asymmetrischen patriarchalen Strukturen sei dagegen nicht möglich und sollte verhindert werden, schreibt Fischbach.
"Frauen tragen aktiv dazu bei"
Grundsätzlich seien vulnerable Gruppen in höherem Maße dazu bereit, doppelbödige Botschaften in ihre Identität zu integrieren, schreibt Fischbach. Die Botschaft des Christentums und die damit verbundene Opfertheologie falle deshalb gerade bei Frauen auf fruchtbaren Boden. Diese würden aufgrund der patriarchalen Strukturen der Gesellschaft sogar Abwertung durch andere Frauen erfahren, die durch Abgrenzung ein positives Selbstbild aufrecht zu erhalten versuchten. "Frauen tragen aktiv dazu bei, sich gegenseitig hinsichtlich patriarchaler Strukturen zu normieren."
Diese internalisierte Misogynie diene vielen Frauen als "Rüstung" zum Selbstschutz, die nicht ohne weiteres abgelegt werden könne. "Wer unbedingte Solidarität ohne jede Rüstung lebt, wird der Welt unvermeidbar als Tor gelten – und lebt vielleicht als Heilige, aber auch gefährlich, denn unter der Rüstung schwelen offene Wunden", so Fischbach.
Die Sühnopfertheologie beschäftigt sich mit der grundlegenden Sinndeutung des Todes von unschuldigem Leben speziell mit Blick auf den Kreuzestod Christi. In jüngerer Vergangenheit hinterfragen immer mehr Theologen, ob die Sühnopfervorstellung die angemessene Interpretation des Todes Jesu darstellt oder Gott in seiner Freiheit auch ohne Tötung eines Menschen Sünden vergeben könne. (cbr)