Tragikomödie mit Zwischentönen
Die Regisseurin und Drehbuchautorin hat darin zwei mutige Entscheidungen getroffen: Sie stellt ein Rentnerpaar in den Mittelpunkt (ältere Menschen sind im deutschen Kino nicht gerade überrepräsentiert) und beschäftigt sich überdies mit den unmittelbaren Auswirkungen der Finanzkrise. Ein Thema, das deutsche Filmmacher bislang weit gehend kalt gelassen hat.
Eva und Alexander Meyenburg sind Kleinanleger. Sie haben ihr Haus verkauft und leben nun in der Nähe ihrer Tochter in einem gesichtslosen Berliner Neubaugebiet mit lockerer Bebauung und schicken Town-Houses. Während der eher introvertierte Alexander lieber in der Garage werkelt, übernimmt Eva alles, was mit zwischenmenschlicher Kommunikation zu tun hat.
Dazu gehör(t)en auch die Finanzen des Paares. Als ihre Tochter, die eine physiotherapeutische Praxis betreibt, sich von ihnen Geld leihen will, teilt der langjährige Bankberater der konsternierten Eva mit: Die 120.000 Euro sind infolge der Lehman-Pleite weg. Nur die 5.000 Euro auf dem Girokonto sind noch geblieben.
Mit vielen Zwischentönen
Wie die Familie mit der neuen Situation umgeht, inszeniert Wangard unaufdringlich als Tragikomödie mit vielen Zwischentönen. Das Tempo ist zurückgenommen. Auf diese Weise bleiben die familiären Mechanismen, die zunächst greifen, spürbar, aber auch die schrittweise Veränderung der Figuren. Manches allerdings wird bisschen zu viel auserzählt: etwa in dem Nebenstrang, in dem die Tochter dramaturgisch ein eigenes Profil erhält.
Die Hauptrolle ist mit Monika Lennartz besetzt. Sie und ihr Gegenüber Ulrich Voß arbeiten sehr detailgenau die Gewohnheiten und Rituale eines lange verbundenen Paares heraus. In der veränderten Lage, in der sie sich plötzlich befinden, entdecken sie neue Seiten aneinander. Das ist dann zwar kein Happy End, aber ein sehr humanistisches Plädoyer für die Bedeutung wahrer Werte.
Eva beginnt, sich gegen die Banken zu engagieren, zunächst sehr zum Missfallen ihres Mannes, der nicht gern in der Öffentlichkeit steht. Sie skandiert vor Filialen, bläst in Trillerpfeifen und spricht Menschen auf der Straße an. Alexander hingegen mag es nicht, "mitzukommen": weder vor Gericht, wo Eva auf Entschädigung klagt, noch zu den Treffen mit Gleichgesinnten. Bis er seine Art des Protests entdeckt, bei der ihn vermeintlich niemand sieht – außer der Polizei.
Eine Metapher der Machtlosigkeit
Irgendwann fährt Eva in ihrer Ohnmacht dann nach Frankfurt. Wie sie allein und immer bedrückter durch die Hochhausschluchten schleicht, ist eine Metapher der Machtlosigkeit. "Crashkurs" ist das Gegenstück zur US-amerikanische Filmbiografie von Martin Scorsese "The Wolf of Wall Street". Hier sind die Opfer der Krise, die Kleinanleger, Rentner und aufrichtigen Menschen, die schlichtweg nur ihren Beratern vertraut haben, dort die Jordan Belforts, die obszön reich geworden sind – mit dem Geld der anderen.
Von Julia Teichmann
Ein Ehepaar will nach einem harten Arbeitsleben den Ruhestand genießen, verliert aber im Zuge der Finanz- und Bankenkrise fast seine gesamten Ersparnisse. Das will die Frau, die sich praktisch allein um die Finanzen gekümmert hat, nicht unwidersprochen hinnehmen. Vor Gericht und in öffentlichen Protesten fordert sie ihr Geld zurück. Ein in den Hauptrollen gut besetzter, unaufgeregter und realitätsnah inszenierter Film mit leisen komödiantischen Anklängen, der mit älteren Kleinanlegern die größten Verlierer der Finanzkrise in den Mittelpunkt rückt.
Der obige Text wurde katholisch.de vom Magazin "Filmdienst" zur Verfügung gestellt. Seit 1947 begleitet der Filmdienst wie kein anderes Magazin kritisch das Kinofilmgeschehen. Herausragende Porträts von Filmschaffenden stehen neben umfassenden Filmkritiken zu jeder Kinopremiere in Deutschland, spannende Debatten neben aufschlussreichen Interviews, Hintergrundberichte neben Neuigkeiten aus der Filmwelt. Die Beilage "Film im Fernsehen" informiert über sehenswerte Filme im Fernsehen. Die Datenbank CinOmat ist ein beispielloses Nachschlagewerk, das mehr als 250.000 Filmschaffende mit fast 75.000 Filmen verknüpft. Der Filmdienst ist darüber hinaus Herausgeber des "Lexikons des Film", zeichnet neue DVD/Blu-ray-Veröffentlichungen mit dem "Silberling" aus und verleiht gemeinsam mit dem Bundesverband Kommunale Filmarbeit jährlich den "Caligari-Filmpreis".