Trumpisierung des Wahlkampfs?
Nach dem CDU-Parteitag ist es endgültig klar. Aufseiten der Union bekommen die Deutschen es 2017 wieder mit Angela Merkel als Kanzlerkandidatin zu tun. Um ihren Herausforderer macht die SPD ein Getue zwischen Geheimniskrämerei und Affentanz: Gabriel oder Schulz, das ist hier die Frage. Sie wird in der Partei, aber auch in den Medien gestellt. Dabei werden Stärken und Schwächen erörtert, taktische Varianten durchgespielt und – ja, auch das – Sympathien oder Antipathien ausgebreitet.
Ob uns eine Trumpisierung des Wahlkampfs droht? Mit übler Nachrede, Verunglimpfung, dem Wühlen im politischen Wäschekorb? Im Prinzip nein. Schließlich wollen doch die allermeisten gute Demokraten sein. Aber wie bei Radio Eriwan ist die Praxis oft anders als das Prinzip.
Einen üblen Vorgeschmack auf enthemmte Attacken hat der Herausgeber des "Handelsblatts", Gabor Steingart, geliefert, als er unlängst in seinem (bei Medienleuten einigermaßen kultigen) Newsletter auf Martin Schulz eindrosch.
Die Begründung der Kritik an Steingart ist zugleich ihre Schwierigkeit. Wie soll man darüber sprechen, dass Steingart den scheidenden EU-Parlamentspräsidenten (heute 60) nicht nur mit einem rhetorischen Karnickelfangschlag als verkrachten Abiturienten (damals keine 20) charakterisiert hat, sondern auch als ehemaligen "Trinker" und anschließend "grantelnden Abstinenzler"?
Unsäglich, sagen Sie? Unanständig, eine zweifellos schlimme Lebensphase nach 40 Jahren wieder aufzuwühlen? Ganz genau. Aber verstärkt nicht öffentliches Echauffieren den Fluch der bösen Tat? Ob es deshalb besser wäre, so etwas "nicht mal zu ignorieren" oder "lieber von etwas anderem zu schweigen"? Das dann doch auch nicht. Zugegeben, Schulz hat offen über seine Vergangenheit geredet. Sie ihm als Charakterschwäche auszulegen, gleicht als Verfahren dem mathematischen Vorzeichen vor einer Klammer: Der folgende Inhalt verkehrt sich so in sein Gegenteil.
Wenn "Argumente" wie die Steingarts bei der Beurteilung von Politikern scheinbar selbstverständlich und widerspruchslos durchgehen, dann gerät unsere Gesprächskultur in den Strudel der Donald-Debatten. Am Ende hinterlassen die nur Blessuren.
Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.