Unbehagen unter dem Regenbogen
Auf unsicherem Grund inmitten der Debatten bewegen sich die katholische und die evangelische Kirche. So mussten sie erkennen, dass kaum Raum für differenzierte Kritik an dem viel diskutierten Entwurf des Bildungsplans besteht, in dem viel von "LSBTTI" (als Abkürzung für die Gruppe von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen und intersexuellen Menschen) und nur wenig vom christlichen Menschenbild die Rede ist.
Dabei stehen die Kirchenleitungen von zwei Seiten unter Druck: Konservative Gruppierungen - vor allem evangelikale Kreise, aber auch traditionell katholische Gruppen - fordern lautstark, die Kirchen dürften nicht länger schweigend zusehen, wie die Landesregierung Schüler ideologisch zu beeinflussen und zu "sexualisieren" versuche und zugleich den Wert der christlichen Ehe und Familie aushöhlen wolle. Auf der Gegenseite mahnen liberale Christen eine Distanzierung von polemischer Kritik am Bildungsplan im Internet an und warnen vor homophober Hetze.
Vorwurf: Leitlinien sollen Schüler zu Akzeptanz sexueller Vielfalt "umerziehen"
Der Initiator der Online-Petition "Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens", der Nagolder Realschullehrer Gabriel Stängle, gehört einer evangelikalen Gruppierung an. Der mittlerweile von 150.000 Bürgern unterzeichneter Appell wirft dem Kultusministerium vor, durch die geplanten Leitlinien Schüler zu einer Akzeptanz sexueller Vielfalt "umerziehen" zu wollen. In der Petition ist zudem die Rede von "negativen Begleiterscheinungen" eines homosexuellen Lebensstils, wie einer "höheren Suizidgefährdung" oder einem "ausgeprägten Risiko psychischer Erkrankungen".
Die große Zahl der Petitions-Befürworter belegt ein weit verbreitetes Unbehagen im Umgang mit homosexuellen und anderen Minderheiten-Orientierungen im sexuellen Bereich. Vor allem dann, wenn es um die Erziehung der eigenen Kinder geht. Eine umgehend gestartete Gegenpetition zu Stängles Aufruf fand wiederum bislang etwa 80.000 Unterstützer.
In der kommenden Woche soll die Anti-Regenbogen-Petition bei der Petitionsstelle des Stuttgarter Landtags eingereicht werden. Sie wird dort - wie monatlich rund 100 Petitionen zu anderen Themen - vom zuständigen Ausschuss geprüft und dann gegebenenfalls an das Plenum weitergegeben werden. Das kann dauern.
Wie aber steht es um innerkatholischen Handlungsbedarf?
Und das wiederum spielt dem Wunsch der Kirchen in die Karten, sachlich und nicht-öffentlich auf Veränderungen beim Bildungsplan hinzuwirken. Zurück zu Gesprächen der Fachleute also - dieses Ziel machten auch die baden-württembergischen Bischöfe bei ihrem jüngsten Treffen mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) deutlich. Und Kultusminister Andreas Stoch (SPD) sagte zu, sich die kirchlichen Argumente genau anzuhören.
Wie aber steht es um innerkatholischen Handlungsbedarf? Die Debatten legen nahe - genauso wie die Antworten aus den deutschen Bistümern auf die Vatikan-Umfrage zu Ehe und Familie- , dass die geltende Lehre der katholischen Sexualmoral nur wenig Rückhalt unter deutschen Katholiken findet. Die Aussage des katholischen Katechismus, wonach Homosexuelle nicht diskriminiert werden dürfen, homosexuelle Handlungen aber per se Sünde sind, wird nur noch von einer Minderheit verstanden oder vertreten. Im Kern ist damit einer der Grundpfeiler der christlichen Sexuallehre berührt. Doch an diese Frage hat sich bislang öffentlich niemand heran gewagt. Genau so wenig, wie ein weiterer Fußballprofi dem Outing Hitzlsperger gefolgt wäre.
Von Volker Hasenauer (KNA)